Marginale, aber bemerkenswerte Analogie (Schauungen & Prophezeiungen)

RichardS, Montag, 06.12.2010, 11:17 (vor 5639 Tagen) @ BBouvier (3573 Aufrufe)

und sind von einer grauenhaften Krankheit bedroht,
bei der sie sich, von umherirrenden Elektrobündeln infiziert,
auf offener Straße zu Tode lachen.

Moin,

Carl Amery (geboren 1922, gestorben 2005) schrieb 1975 den Roman „Der Untergang der Stadt Passau".

Zu diesem Roman aus „Wikipedia":

• Der Untergang der Stadt Passau (1975): Im Vorwort nennt Amery den Roman eine „Fingerübung“, zu deren Ausarbeitung ihn der Roman A Canticle for Leibowitz (deutsch: Lobgesang auf Leibowitz) des amerikanischen SF-Autors Walter M. Miller inspiriert habe. Dementsprechend erscheint der Roman in der SF-Reihe des Heyne-Verlags und wird zu Amerys größtem Bucherfolg. Zum Inhalt: Nach der durch eine Seuche ausgelösten globalen Katastrophe kristallisieren sich zwei Gruppen heraus – die eine Gruppe versucht einen Wiederaufbau der Zivilisation (inklusive Elektrizität, Bürokratie und Schickeria), die andere geht zurück zu den Wurzeln der Subsistenzwirtschaft und etabliert eine Kultur auf etwa dem Niveau der Bronzezeit. Der Roman erzählt die Geschichte des sich notwendig ergebenden kulturellen Konflikts.

Die Seuche selber – also der eigentliche Beginn der Katastrophe, die zum Zusammenbruch der Zivilisation führt – ist in Amerys Roman kein Thema, selbst ihre tödlichen Folgen werden im Roman nur lapidar und quasi als kleines Vorspiel in einer einzigen Szene erwähnt. Doch an die erinnerte ich mich, als ich jetzt den von BB eingstellten Kommentar zu Haushofers Roman las. Entweder Zufall oder Amery kannte Haushofers Roman (?) (denn an die dritte Möglichkeit, dass die Analogie mehr als bloßer Zufall oder eine ‚Ideenanleihe’ durch Amery sein könnte, will ich eigentlich nicht glauben) – jedenfalls scheint auch bei Amery die Folge der Seuche zu sein, dass sich die Menschen „auf offener Straße zu Tode lachen“. Ich zitiere die einzige Szene im Roman, in der Plünderer bzw. Verfolger einer Frau offenkundige Opfer der Seuche sind:

„Als sie aus der Zelle trat, sah sie schräg über der leeren Straße drei junge Männer, die ein Schaufenster einschlugen und Whiskyflaschen herausholten. Einer wandte sich um, sah sie und rief den anderen etwas zu. Die drei lachten unbändig und kamen im Laufschritt über die Straße. Sie rannte zu ihrem Auto, sie erreichte es, aber sie ließ zu rasch an, der Motor streikte. Sie schrie schon, während der erste, der das Auto schon fast erreicht hatte, stehenblieb und, immer lauter lachend, in die Knie sank. Die beiden anderen bremsten abrupt, heulten vor Angst und rannten mit doppelter Geschwindigkeit in eine Seitenstraße.“

HJH, danke fürs Aufmerksammachen. Da ich nächstes Wochenende in Bayern bin, werde ich mir die Sendung auf BR2 anhören können.
Amerys Roman hat nichts mit Planetenzusammenstößen zu tun. Im Hinblick auf das (Über)Leben nach dem Zusammenbruch der bisherigen Ordnung und die Logik, Strategie und Kämpfe rivalisierender Gruppen ist er aber sehr lesenswert.
Und jenes „zu Tode lachen“ fiel mir auf – ist ja als Symptom einer tödlichen Seuche nicht unbedingt nahe liegend, selbst für ein (visionäres) Schriftstellerhirn nicht.

Gruß
Richard


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