Guten Abend Berliner,
vielen Dank für Deine Meinung. So wie Du das siehst, kann man das sicher sehen. Es gibt aber auch viele Gegenargumente auf Schriftbasis, die klar die Kontinuität von JvN zum AT unterstreichen.
Meiner Meinung nach ist es ein neuzeitliches Missverständnis, Jesus und das Christentum als sonderlich sanftmütig und liberal darzustellen, was eher dem Umstand geschuldet ist, seine eigenen modernen Wertevorstellungen in den Glauben zu projizieren, als dass es eine Schriftbasis dafür geben würde (sofern man die Autorität der Schrift anerkennt, was immerhin in Ermangelung von Alternativen die einzige sinnvolle Basis für jegliche Theologie sein muss).
Jesus sagt ganz klar, dass das Gesetz des AT weiterhin gilt, siehe Matthäus 5:17. Auch war Jesus kein Hippie, sondern ist gekommen, um "das Schwert zu bringen", Matthäus 10:35f. Jesus war Jude und wollte das Judentum reformieren, seine Mission galt bestenfalls in zweiter Linie Nichtjuden, siehe Markus 7, 24-30 (Jesus lehnt es hier zunächst ab, die kranken Kinder einer Griechin zu heilen, mit einem Gleichnis, in dem er die Juden als "Kinder" bezeichnet, bedürftige Nichtjuden aber als "Hunde", denen die Brosamen erst dann zuzukommen haben, wenn alle Kinder satt seien).
Als Baha'i ist das alles für mich ohnehin zweitrangig: Sowohl Judentum als auch Christentum (aber auch Islam) sind Vorgängerreligionen, die das jeweils beste Heilmittel für die Leiden der Menschheit in ihrem jeweiligen Zeit- und Raumkontext waren, keine ewigen Wahrheiten. Die aktuellste, zeitgemäße Religion ist diejenige, die von Baha'u'llah offenbart wurde. Sozusagen "Monotheismus 4.0". Für mich gibt es keinen Grund, auf 2.0 oder 1.0 zurückzugehen, da sie einfach nicht mehr die beste Antwort für die Probleme der heutigen Zeit bieten, selbst wenn sie in ihrer jeweiligen Zeit das Optimum waren.
Aber nichts für ungut. Ich respektiere Deine Glauben und will ihn keineswegs in irgendeiner Weise herabwürdigen.
Allerdings fürchte ich, dass wir uns hiermit zu weit vom Forenthema entfernen. Ich mache mir schon sorgen, dass BB langsam -- völlig zu Recht -- ungeduldig wird. Deswegen will ich versuchen, nochmal die Kurve zu kriegen:
Ich glaube, die Bibel ist eine Sammlung von Überlieferungen, Meinungen, Geschichtsschreibung und anderen Dokumenten, von denen einige durchaus Schauungscharakter haben können (aber keineswegs alle, die diesen Anspruch erheben). Insofern sehe ich die Bibel als eine Quelle unter anderen, an die aber die gleichen Maßstäbe angelegt werden muss, wie an andere Quellen auch. Insofern denke ich, dass eine Diskussion von Prophezeiungen in der Bibel durchaus zum Forenthema passt. Wegen der großen zeitlichen Distanz gehören diese möglichen Schauungen aber vermutlich zu den weniger ergiebigen.
Beste Grüße,
Bernhard