Antichrist (Schauungen & Prophezeiungen)

starbuck, Berlin, Mittwoch, 25.04.2012, 17:07 (vor 5299 Tagen) @ Baldur (2768 Aufrufe)

Hallo Baldur,

die Sache mit dem Antichristen ist älter und hat seinen Ursprung im alten persischen Glauben. Über das Judentum kamen davon Teile davon in die Apokalyptik, die erst relativ spät, in den letzten Jahrhunderten vor Christus, überhaupt eine kosmologische Dimension bekam (vorher war die Prophetie immer auf Israel/Judäa und die Reiche ringsum beschränkt).

Gefördert wurde das durch die griechische/später römische Beherrschung des Mittelmeerraumes, die jetzt, im Gegensatz zu allen vorherigen Reichen, die "nur" Tribut forderten, auch im Bereich der Ideologie und des Marktes Herrschaft ausübte, damals die Verbindung zwischen der griechischen Philosophie, römischen Pragmatismus und dem überall uniformen way of life des imperium romanum, was eine eher brutale Sklavenhaltergesellschaft war. Wenn die Wirklichkeit brutal ist und keine Erzählung des Guten und der Gerechtigkeit mehr kennt, wird man zu stärken Bildern greifen, um die Zeit zu deuten.

Zur Zeit Jesu sahen die frommen Juden den römischen Kaiser als den Satan, das imperium romanum als teuflisches Konstrukt, ähnlich wie irgendwelche superfrommen Muslims heute den Westen (die USA). Auch wenn nirgendwo der Begriff "Antichrist" fällt, ist er immer als Widersacher Gottes präsent, als das "Tier aus dem Abgrund", oder die 666 der Offenbarung. Man muss allerdings den Zeitbezug in der Offenbarung des Johannes zu dem Kaiserkult der Antike kennen, um nicht plötzlich Barcodes von Lebensmitteln im Supermarkt als Zeichen des Tiers zu lesen (666, etc.). Ohne ihn ist das NT und die Antike, sofern sie die jüdischen Kriege und die persische Apokalyptik betreffen, nie zu verstehen.

Hinzu kommt, auch die positiven Begriffe des NT, "Sohn Gottes", "Menschensohn", etc, die heute EINER Person gelten, die sich von allen anderen dadurch ontologisch unterscheidet, dass sie "Sohn Gottes" ist, sind in dem Judentum zur Zeit Jesu Prädikate die jedem BESONDEREM Menschen zukommen. Die Einengung auf die eine, historische Figur und deren subsequente Erhöhung ist ein Werk des Frühchristentums. BB urteilt meines Erachtens nicht richtig, wenn er glaubt, dieser "Antichrist" als der EINE sei erst ein Konstrukt des Mittelalters, als Typologie ist er Jahrhundert älter.

Was nicht heisst, dass es völlig schwachsinnige Texte gibt, die seitdem in Bezug auf den Antichristen geschrieben wurden. Ob es ihn als Person einmal geben wird oder sie schon da war? Je nach politischer Couleur wird man da im zwanzigsten Jahrhundert mit Sicherheit fündig, will man ihn posthum finden. Die Mühe kann man sich sparen, man muss nicht alle Folterberichte durchgehen.

Eine andere Möglichkeit ist es, das "Imperium", das in der Antike immer eine Person war, oder von einer repräsentiert wurde (wie heute Russland durch Putin, oder die USA durch…) als den Antichristen zu denken – was der Typologie und Symbolik jener Zeit entsprechen würde, als dieser gedacht wurde.

Grüsse starbuck


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