Drei Vor-Ort-Besuche in Palmblattbibliotheken (Schauungen & Prophezeiungen)

Sagitta, Donnerstag, 23.10.2014, 22:55 (vor 3417 Tagen) @ Taurec (5513 Aufrufe)

Hallo Taurec, hallo PBB-Interessierte,

auch ich kann etwas aus erster Hand zum Thema PBB beisteuern. Ich war vor ein paar Jahren mit Thomas Ritter in Tamil Nadu unterwegs auf einer Reise, die eine PBB in Chengalupattu (bei Chennai) im Programm hatte. Da ich es aber genau wissen wollte, habe ich in Eigenregie noch zwei weitere aufgesucht -- eine in Kanchipuram und eine andere ebenfalls in Vaitisvarankoil, wo sich offenbar seit Kauz' Besuch eine wundersame Vermehrung dieser "Lesestellen" ergeben hat (nahe bei einem vielbesuchten Marstempel sind natürlich auch immer genügend Pilger bzw. potenzielle PBB-Interessenten vor Ort) -- ein ganzer Straßenzug weist eine neben der anderen auf, die jedoch alle auf den gleichen Fundus des Sri Agasthiyar zurückgreifen.

Thomas Ritter war für mich der Erfüllungsgehilfe und Reiseleiter, der die glatte Organisation dieser Fahrt ermöglichte, die ich allein sicher nicht so zügig und reibungslos hätte durchführen können, -- und das zu einem akzeptablen Preis-Leistungsverhältnis, das in etwa dem der gängigen Studienreisen entsprach. Ritter ist sicher kein Philologe, der sich in den Tiefen der drawidischen Sprachen auskennt, und auch über astrologisches Wissen verfügt er nicht, insofern würde ich ihm, -- selbst bei lautersten Absichten, -- nicht zugestehen wollen, die Quellenlage seines Materials und der (angeblichen?) Übersetzungen wirklich beurteilen zu können. Für die sprachliche, kulturelle und "spirituelle" Vermittlung hatte er auf unserer Reise noch einen indischen Swami dabei. Ansonsten ist natürlich -- wie immer bei solcher geheimnisumwobenen Divination -- auch der gesunde Menschenverstand gefragt, das, was einem als Europäer in Indien so präsentiert wird, kritisch zu durchleuchten.

Ich hatte vor der Reise so ziemlich alles verschlungen, was ich zum Thema an Büchern, Aufsätzen und Web-Videos finden konnte, sowie einige Berichte von mir persönlich bekannten, durchaus seriös eingeschätzten Personen gehört. Ich wollte es nun auch direkt erfahren.


In der ersten Bibliothek in Chengalupattu hatte der Reader mich zunächst nach meinem Namen, meinem Geburtsdatum (allerdings ohne Uhrzeit, was für einen Astrologen eine wichtige Information gewesen wäre) befragt und das Datum des Tages meines Besuchs notiert. Offenbar errechnete er quasi numerologisch eine Kombination aus diesen Daten und schlug dann in einem der Bündel ein Blatt auf, aus dem er mir dann vorlas. Unser indischer Swami übersetzte anschließend die Texte aus dem Tamilischen ins Englische.
Üblicherweise gliedert sich die Lesung des Palmblattes in mehrere Abschnitte: Nach einer Einleitung, in der die astrologischen Daten des Ratsuchenden auf Basis des hinduistischen Kalenders dargelegt werden, ist von der Vergangenheit des Klienten die Rede. Sind die mitgeteilten Fakten durch Rückfragen überprüft worden, werden Eigenschaften, Talente und Fähigkeiten sowie die Aufgaben besprochen, die sich daraus ergeben und die für die Zukunft des Fragestellers bedeutsam sind. Sein künftiges Leben wird in Abschnitten von je 2 bis 3 Jahren bis hin zum Tod beschrieben. Außerdem werden auch mindestens vier frühere Leben des Klienten besprochen, aus denen Erfahrungen, Handlungen und karmische Lasten in der jetzige Inkarnation nachhallen.

Die Fakten über mein bisheriges Leben waren gering und eher allgemein gehalten − etwa: „sehr gründliche Ausbildung, Auslandsaufenthalte bis zum 22. Lebensjahr“. Das stimmte zwar, hörte aber nicht mit 22 auf. Insofern war zumindest die zeitliche Eingrenzung nicht korrekt. Von markanteren Ereignissen wie einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt oder Todesfällen in der Familie erzählte er hingegen nichts. Nach einigen Prognosen, die sich aber bis jetzt nicht erfüllt haben, ging der Nadi Reader zu dem Thema „vergangene Inkarnationen und altes Karma“ über. Dazu benutzte er das zweite Palmblattbündel.

Den Abschluss würde die ganze Lesung aber erst in einem heiligen Ritual finden, das in einem Shi-vatempel vollzogen werden sollte − Kostenpunkt umgerechnet 80 €. Angesichts dessen, dass nun schon die Reise selbst nicht ganz billig war, kam es mir auf diesen Betrag dann auch nicht mehr an, und so willigte ich ein. Ich hatte ein ehrwürdiges altes Tempelgebäude mit einem beeindruckenden Lingam im Allerheiligsten erwartet, doch prosaischerweise handelte es sich hier nur um einen privaten Schrein inmitten einer Kuhwiese, ein maximal 3 qm großes Gehäuse aus unverputzten Steinen. Der Nadi Reader veranstaltete dort eine kleine Verbrennungszeremonie, rezitierte einige Mantras zu Ehren des Glücksverheißenden und händigte mir anschließend die heilige Asche aus.


In Vaitisvarankoil verlief die Suche nach dem richtigen Palmblatt etwas anders, und diesmal war es viel mühsamer, „mein“ Palmblatt aufzufinden. Zunächst wurde mein Fingerabdruck genommen und dann dauerte es eine Weile, bis der Reader mit zwei oder drei Bündeln wiederkam, in denen mein Blatt wahrscheinlich enthalten sein würde. Offenbar werden die Fingerabdrucksmuster in bestimmte Kategorien klassifiziert, die auch schon ein erstes Motto für das Leben vorgeben. Meines hieß „Mani makuda konam“, was soviel wie „Krone des Tempels“ bedeutet. Palmblätter von Menschen gleicher Fingerabdrucksmuster sind in entsprechenden Bündeln zusammengefasst. Das erleichtert die Suche. Nun mussten wir also alle Blätter in den mitgebrachten Bündeln durchgehen, bis hoffentlich das richtige gefunden werden würde. Der Reader fing an, in seinem tamilischen Singsang jeweils eine Zeile zu rezitieren und dann zu übersetzen. Er stellte Fragen wie, „Fängt der Name deines Vaters mit K an?“, „Bist du an einem Mittwoch geboren?“, „Hast du drei ältere Brüder?“, „Ist deine Schwester verheiratet?“, usw. Bei positiver Antwort machte er mit dem gleichen Blatt solange weiter, bis ein Nein kam. Bei negativer Antwort auf die erste Frage ging’s gleich zum nächsten Blatt. Auf diese Weise hatten wir etwa eine Stunde verbracht, drei Bündel Palmblätter durchgesehen, ohne dass das richtige bisher dabei war. Ich begann schon zu fürchten, dass die ganze Mühe umsonst sein würde und ich wieder unverrichteter Dinge abziehen müsse. Doch der Reader holte Nachschub und im vierten Bündel wurden wir endlich fündig. Ich erhielt dann aus dem gefundenen Blatt einen kurzen Überblick über die wesentlichen Fakten, aber alles Dinge, die mir sowieso bekannt waren (Name, Herkunftsfamilie, Geburtstag, etc). Aber stand das wirklich darauf, fragte ich mich? Denn inzwischen hatte der Reader ja schon jede Menge Informationen über mich und meine Familie zusammengetragen, mein Geburtsdatum ermittelt, so dass alles weitere auch einfach nur eine Zusammenfassung dessen, was er ohnehin schon wusste, aus seinem Gedächtnis sein konnte. Der Skeptiker in mir ließ sich nicht ganz einschläfern!

Die genaueren Details für die Zukunft sollte ich aber erst am nächsten Morgen erhalten. Über Nacht hatte er offenbar mit den vorhandenen Daten ein Horoskop ausgearbeitet, denn er hatte eine entsprechende Skizze vor sich liegen. Jetzt konnte ich besser nachvollziehen, warum er so viel Zeit zwischen Auffindung und Deutung des Blattes brauchte. Die Vergangenheit dieser Inkarnation streifte dieser Reader gar nicht, er gab mir nur Auskunft über die Zukunft, in dem er jeweils kleinere Zeitabschnitte von ein paar Jahren zusammenfasste. Überzeugt davon, dass mein Heil nur darin liegen konnte, als Mantrensänger einige preisgekrönte Alben zu veröffentlichen und in aller Welt den gläubigen Hindus vorzutragen, drängte er mich, auf meine alten Tage noch Sanskrit zu lernen. Abschließend wurde mir in Aussicht gestellt, dass ich nur noch zwei weitere Inkarnationen, eine davon relativ kurz, vor mir hätte, und dann endlich Moksha erlangen würde.

Hier wurde mir zur Verbesserung meines Karmas ein Lakshmi Mantra mitgegeben, das ich täglich mehrmals rezitieren sollte, außerdem wurde heilige Rituale zur Umwandlung schlechten Karmas über 94 Tage verordnet, die von der Bibliothek durchgeführt werden würden. Das kostete alles in allem auch wieder einen Hunderter − in Euro versteht sich, nicht in Rupien!
Die Lieferung dreier Päckchen Asche aus diesen Zeremonien habe ich dann nach Rückkehr per Post erhalten, vom Zoll geöffnet, vermutlich um zu prüfen, ob sich hinter den ungewöhnlichen, daraus herausströmenden Gerüchen nicht vielleicht doch Dope verbergen könnte.


Nach diesen eher verwirrenden, als für’s weitere Erdendasein wegweisenden Erlebnissen wollte ich es nun genau wissen und hoffte, in einer dritten Bibliothek vielleicht eine Bestätigung eines der gehörten Schicksalsverläufe zu finden. So fuhr ich zu der bekannten Bibliothek in der Tempel- und Seidenwebereistadt Kanchipuram. Ich hatte mich zwar angemeldet, doch herrschte dort großer Andrang aus allen Teilen Indiens. Allerdings wird von Ausländern ein Vielfaches des Honorars für Inder verlangt, so dass ich dann doch schnell einem Reader zugeteilt wurde. Die Prozedur der Auffindung des Blattes verlief genauso per Fingerabdruck wie in Vaitisvarankoil, auch geht die Sammlung auf den gleichen Rishi Agasthiyar zurück. So lag es nahe zu vermuten, dass auch die Lesung ähnlich sein würde. Dem war aber nicht so. Hier gab es zunächst auch nur ein allgemeines Kapitel, das die Umrisse des jetzigen und weiteren Lebens hinsichtlich Familie, Beruf, Partnerschaft, Gesundheit und Besitz skizzierte. Erstaunlicherweise waren diese Deutungen jedoch wenig exotisch, sondern viel näher an der Realität meines westlichen Alltags.

Wenn man Detaillierteres wissen wollte, konnte man zusätzliche Kapitel in Auftrag geben, die zwar im Voraus bezahlt, aber erst per Post nachgeschickt werden würden. Insgesamt gab es zwölf Kapitel zu den einzelnen Lebensbereichen, was mit den zwölf Häusern des Horoskops analog geht, die auch entsprechenden Themen zugeordnet sind. Außerdem gab es noch weitere Kapitel über karmische Verstrickungen und entsprechende Heilmittel, sie aufzulösen. Diese wurden einem ganz besonders ans Herz gelegt. Der Reader betonte auch immer wieder Schwierigkeiten, Verzögerungen, Hindernisse im bisherigen Lebensverlauf, die eben mit altem Karma zusammenhingen, das aber neutralisiert werden konnte.
Ich bestellte also vier weitere Kapitel zu verschiedenen Lebensgebieten sowie zwei Kapitel zu karmischen Themen. Statt der versprochenen vier Wochen dauerte es allerdings fünf Monate und benötigte einige hartnäckige Anrufe und Briefe meinerseits, bis ich diese Ausführungen endlich erhielt. Auch hier wieder der Gegensatz von aktuellen Schwierigkeiten und künftigen Wohltaten deutlich − aber mit den entsprechenden Poojas für weitere 12.000 Rupien würden Ganesha und andere Götter die Hindernisse überwinden.... Diesmal beschloss ich, dies nun selbst mit geeigneten Mantras und Räucherzeremonien in die Hand zu nehmen, und habe nicht den Eindruck, dass die indischen Götter mir seither übel wollten.


Mein Fazit: Nach den Besuchen dreier Palmblattbibliotheken bin ich hinsichtlich meiner eigenen Zukunft im Prinzip nicht sehr viel weiter als vorher. Ich habe zwar nirgendwo etwas wirklich Bedrohliches oder ganz Schlechtes erfahren, was in gewisser Weise beruhigend ist, aber über das Dharma meiner jetzigen Inkarnation scheint es unter den Rishis und ihrer Interpreten durchaus divergierende Sichten zu geben.

Hinsichtlich des Phänomens der Palmblätter bin ich zwar auch nicht bis auf den Grund der Dinge vorgestoßen, doch mehr denn je überzeugt, dass die Grundlebensmuster, die dort bereitgehalten werden, in ihrer Zahl endlich sind, und dass die Ausdeutung der Details auf handfestem astrologischem Wissen beruht und erst beim Besuch des Fragestellers erfolgt und nicht fertig ausgearbeitet auf dem Papier bzw. Blatt steht.

Die indische Astrologie arbeitet mit einem System der Lebensphasen (Dasa), die in einer bestimmten Sequenz, aber mit unterschiedlichem Startpunkt ablaufen. Das kann ein geübter Astrologe relativ schnell aus dem Ärmel schütteln, wenn er den Anfangspunkt dieser Sequenz einmal ermittelt hat. Um ganz sicher zu sein, muss man aber die genaue Geburtszeit und die Koordinaten des Geburtsortes berücksichtigen. Hierbei besteht allerdings eine gewisse Fehleranfälligkeit, da in keiner der Bibliotheken meine genaue Geburtszeit erfragt wurde und auch die Zeitzone des Geburtsortes nur vage berücksichtigt wurde. Auch kann ein Planet, der im Horoskop auf einer Zeichengrenze steht, bei einer Unschärfe von einigen Stunden, mal in dem einen, mal in dem anderen Zeichen zu stehen kommen und dann unterschiedliche Yogas (Planetenkombinationen) bilden, die eben zu unterschiedlichen Deutungen führen.

Nichtsdestotrotz: Wenn ich nächstes Mal nach Indien reise und es sich wieder die Gelegenheit bietet, eine solche Bibliothek, derer es noch mindestens ein halbes Dutzend gibt, anzusteuern, werde ich sie aufsuchen. In Hoshiapur (Punjab) hat ein befreundeter Astrologe schon einmal nach meinem Blatt suchen lassen, aber erfolglos ... also muss ich dort doch irgendwann selbst mal vorbeischauen.

Viele Grüße, Sagitta


Weitere Lektürehinweise und Angaben von Adressen

Tigo Zeyen: Das Palmblattorakel; neu veröffentlicht unter dem Titel: Der Schatz der sieben Rishis (inkl. einigen Adressen)
Ute York: Eine Reise zu den indischen Palmblattbibliotheken
Marco Koskas: Das papierne Labyrinth (hier speziell über Hoshiapur)

Hier noch ein Link (nicht als Werbung gedacht!), wo man sich eine bildliche Vorstellung von einem Palmblatt machen kann:
www.palmblattbibliotheken.de/11-0-Palmblattbibliothek.html

Einen sehr guten, anspruchsvollen Artikel hat der schwedische Indologe und Astrologe Martin Gansten auf seiner Web Site veröffentlicht:
www.martingansten.com/pdf/NadiDivinationAndIndianAstrology2011.pdf


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