Kritik an Hobsbawm (ehemaliger Beitrag im Zf) (Schauungen & Prophezeiungen)

RichardS, Sonntag, 19.07.2009, 17:27 (vor 6037 Tagen) @ Mirans (2711 Aufrufe)

Den untenstehenden Beitrag zu den Interviewaussagen des Herrn Hobsbawm stellte ich im Zf am 22.6.09 ein. Ich verwandte einige Mühe auf ihn und sein Schicksal auf irgendeinem, dort bald kaum oder gar nicht mehr auffindbaren Marktplatzplätzchen ist mir zu ungewiss, darum füge ich ihn hier an, wo er auch hingehört. Mein damaliger Beitrag versteht sich nicht als irgendeine konträre politische Meinungsäußerung, wie die gegenwärtige "Krise" zu bewältigen wäre, sondern als der Versuch, begrifflich einer Denkweise beizukommen, die umso mehr Konjunktur haben wird, je instabiler sich das westliche Finanz-, Wirtschafts- und in deren Folge auch politische System in den Augen der öffentlichen Meinung erweisen wird:


Ich lasse alle blumigen Zustands-Beschreibungen weg, schaue mir nur die GRÜNDE an, die dieser Mann für all die geschilderten "schlechten" Zustände der Vergangenheit wie Jetzt-Zeit angibt. Hier sind sie auszugsweise (in Kursiv) und meine Kurzkommentare gleich dazu:

Diagnose Teil 1:

In den letzten 30, 40 Jahren wurde eine rationale Analyse des Kapitalismus systematisch verweigert...
Wir haben vor allem Theologen des Marktes mit einem kindlichkindischen Glauben, dass der Markt alles von allein regeln wird...
Was wir im Augenblick erleben, ist ja etwas, was es nach der radikalen Moraltheologie des Marktes gar nicht geben kann und darf, es ist also etwas, was das Denkvermögen der Akteure sprengt...

Ja, den Glauben an den Markt, der alles regle, gibt es. Nur wird dieser Glaube in und außerhalb von Universitäten lediglich gelehrt - aber nirgends praktiziert! Die Staaten dieser Welt halten sich - entgegen diesem propagierten Kinderglauben in Universitäten und Massenmedien und entgegen den angeblichen Beweisen wie der tatsächlich (teilweise) stattgefundenen "Deregulierung von Finanzmärkten" und der Nicht-Beaufsichtigung z.B. von Hedgefonds - überhaupt nicht vom "Markt" fern. Schaut man sich an, was noch Markt ist und was schon Staat (also ohne Marktkontrolle, nicht über Privateigentum hergestellt) ist, dann stellt man in Gesellschaften wie der unseren über die Jahre und Jahrzehnte fest, dass der Staatsanteil, die Staatsquote ständig wächst. In Deutschland z.B. ist inzwischen mehr als die Hälfte offen oder verdeckt unter staatswirtschaftlicher Kontrolle: und zwar total oder in hohen Anteilen: Schulen, Universitäten, Gesundheitswesen / Krankenversicherungswesen, Altersvorsorgesysteme, Arbeitsvermittlung (Bundesagenturen für Arbeit), Verkehrswesen (Bahn, Straßennetz, städtische Verkehrsmittel), Postwesen, öffentlich-rechtliche Medien, staatliche Regulierung vieler landwirtschaftlicher Preise, Regulierung des privaten Wohnungsbaus, Subventionen von Kohle-, Stahl-, Werft-Industrien (inzwischen sogar KFZ > Opel! und Banken > IKB, HRE, Commerzbank, an denen sich der Staat finanziel zwecks "Stützung" beteiligt!). Die Staatsquote an "der Wirtschaft" wächst, wuchs schon vor der jetzigen globalen Krise und wächst jetzt erst recht, weil die Staaten nun überall als "Retter" nicht nur "gebeten" werden, sondern auch so auftreten (obwohl gerade in den eigenen Verantwortungsbereichen, siehe z.B. IKB oder unisono die deutschen Landesbanken, die schlimmsten Wildwüchse stattfanden!). Der "freie Markt" ist ein KINDERGLAUBE, der sowohl von den Staaten als auch von vielen "Systemkritikern" gerne wider gegen alle Realität behauptet und gepflegt wird.

Diagnose Teil 2:

Vielleicht wird die Menschheit noch bedauern, dass sie nicht auf Rosa Luxemburg gehört hat: Sozialismus oder Barbarei...
Die Politiker müssen so reden, sie können ja wohl schlecht zugeben, dass nicht der einzelne Mensch, sondern das System an sich falsch ist. Der Markt ist nicht moralisch. Die reine Marktwirtschaft ist auf Habgier aufgebaut - und auf sonst gar nichts, das ist das System...
Auch Karl Marx hat ja nie gegen gierige Kapitalisten argumentiert, er war gegen ein System, das notwendigerweise Habgier schafft. Der Mensch, mein fester Glaube, kann anders sein. Aber im Kapitalismus sucht jeder seinen Vorteil, jeder ist dazu verdammt, sonst geht er unter.
Sie haben sich absolut systemimmanent verhalten. Profit. Gewinn. Maximales Wirtschaftswachstum.

Hier geht alles durcheinander. Habgier, Profit, Gewinn, Vorteil, maximales Wirtschaftswachstum - als wäre das alles so irgendwie dasselbe, derselbe Brei! Selbst wenn ich ein Buch lese, strebe ich nach Gewinn (Gewinn der Erkenntnis, Gewinn des Vergnügens). Säe ich, will ich ernten - etwas gewinnen. Ja, ich handle zu meinem Vorteil. Zu meinem Nutzen, zu meinem "Profit", um das böse, üble Wort zu benutzen. Handle ich deshalb aus Habgier? Will ich deshalb bereits "maximales Wirtschaftswachstum"? Habgier ist eine psychologische Kategorie - sollte es einen gesellschaftlich verankerten Zwang (angeblich ja nicht "der Mensch", sondern das "System"!) zur Habgier geben, dann müsste dieser marxistische Professor diesen Zwang erst mal uns erklären. Tut er aber nicht! Jedenfalls nicht in dem Interview. Wir müssen uns den Zwang, seine Ursache, selber dazu-denken, um den Professor für weise zu halten. Er behauptet nur, dass Du, ich, Deine Familienmitglieder, meine Freunde, meine Nachbarn, wir alle eben, habgierig handeln - vermutlich bin ich es in dem Moment, indem ich das schreibe, auch... "Die reine Marktwirtschaft ist auf Habgier aufgebaut - und auf sonst gar nichts, das ist das System..." - der weise Professor empfiehlt, dass wir uns, den Bäcker, den Zeitungsträger, den Stahlarbeiter, die Krankenschwester, den Polizisten, den Lehrer, den Pfarrer, den Tante-Emma-Laden-Betreiber, den Verleger von Prophezeiungsbüchern, den Finanzminister alle unter diesem, denselben identischen Gesichtspunkt (habgieriges Handeln) betrachten sollen. Systembedingt...
Nun gibt es natürlich Habgier und es gibt auch den Zwang zum "Wirtschaftswachstum". Nur den Grund weiß DIESER Mann nicht. Er gibt ihn nicht an, aber er gibt an, dass er ihn auch gar nicht wissen kann, nicht wissen will, sonst würde er nicht alles begriffslos gleichsetzen (Gewinn, Vorteil, Habgier, Wachstum) und nicht alle - ohne angeblich zu kritisieren - als habgierig handelnd denunzieren.
Wenn er wenigstens uns erzählen würde, wie er darauf kommt, 1. dass und 2. warum ein "Kapitalist" (also wenigstens ein Kapitalist, wenn schon nicht auch das Milchmädchen oder der Professor) notwendigerweise habgierig handeln sollte.
Leere Behauptung, Klischees, die nicht besser werden, wenn alle Gut- und viele andere Menschen solche Klischese glauben und sich mit solchen Märchen abspeisen lassen.

Das Wissen von Leuten jedoch, die den Kapitalismus analysiert und verstanden hatten, wurde dagegen verspottet und vergessen: Leute wie Marx und Schumpeter wussten, dass der Kapitalismus etwas Instabiles ist, dass er sich entwickelt und revolutionär voranschreitet, aber auch zwangsläufig zusammenbricht, dass er stets anfällig ist für Krisen von unterschiedlicher Dauer und bisweilen großer Heftigkeit...
Es ist ganz einfach: Entweder hören wir mit der Ideologie des grenzenlosen Wachstums auf, oder es passiert eine schreckliche Katastrophe...

Vorher war es die "Habgier", die als eine bloße psychologische Kategorie daherkam. Weil die Behauptung, das System würde zu habgierigem Handeln die Wirtschaftsteilnehmer zwingen, begründungslos in den Raum gestellt wurde. Jetzt spricht der Mann von der "Ideologe" "des grenzenlosen Wachstums"! Damit verlegt er die Entscheidung, ob "wir" für oder gegen grenzenloses Wachstum sind, einfach in die Subjektivität, in das bloße Wollen von uns allen. Legen wir doch einfach diese "Ideologie" ab. So sein Rat. Von wegen Zwang, von wegen Systemimmanenz! Besser kann der Mann nicht verraten, was er von seinem Geschwätz selber hält, dass das "System" das Handeln der Leute diktieren würde, ja das Treiben der Wirtschaft als Ganzes. Nur soviel: den Zwang zum ständigen Wachstum (und die zwangsläufigen Krisen hieraus) gibt es durchaus (weswegen es aber mit dem Ablegen einer Ideologie nicht getan ist, so geht das schlicht nicht - sonst wär's ja kein Zwang!). Nur kennt dieser Mann diesen Zwang nicht und will ihn auch nicht kennen, wenn er ihn immerzu in Vorteil, Gewinn, Habgier u.ä. ortet und dann doch nicht den Mensch als "schlecht" behauptet haben will.

Und jetzt kommt der Hammer:

Die Lösung liegt in der richtigen Kombination aus Markt und Staat ... Wir werden Gesellschaften bekommen müssen, in denen der Staat wieder eine größere Rolle, eine viel größere Rolle spielt...
Es fehlen heute Leute und Denker wie Keynes, der in den Dreißigern so weitsichtig war, dass es ihm gelang, den Kapitalismus zu bändigen...
Ich sehe nur einen Weg aus dem Dilemma, der aber setzt eine fundamentale Bewusstseinsveränderung voraus, er ist ein internationales, ein Riesenprojekt: die Welt gegen die Umweltgefahr sicherer machen. Das würde helfen, die Wirtschaft anzukurbeln, aber es wäre auch ein Projekt, das man gegen die Marktkräfte durchsetzen müsste.

Ja, eben. Genau das tun die Staaten zurzeit. Markt und Staat auf ihre Weise kombinieren, dem Staat wieder eine und eine noch viel größere Rolle einräumen. Keynes (seine Lehre: staatliches Schuldenmachen, um die "Wirtschaft anzukurbeln") könnte nicht moderner sein. Obama bis Merkel lassen grüßen. Das Dillema einer Staats-Schulden-Wirtschaft wird mit mit noch mehr Schulden bekämpft, stramm staats-sozialistisch gedacht im Falle des Historikers, mit einer schönen Fahne ("Riesenprojekt ... gegen die Umweltgefahr"), nur die Fahne ist zurzeit eine klein wenig eine andere, eine andere, als sie die Politiker wie Obama bis Merkel hissen. Aber sonst wird ja schon wunderbar so gehandelt, wie es der britische Weise empfiehlt.

Der Mensch hat die Anlagen zum Guten wie zum Schlechten - und wie er sich benimmt, das kann man wohl ändern! Dass unsere Welt, immer noch oder endlich mal Heimat für alle werden kann - das ist doch ein schönes Ziel!

Schöner sozialistischer Schlusssatz. Weise?

Gruß
Richard


Eine kleine Ergänzung: Wer bloß aufgrund der "apokalyptischen Bilder" des Herrn Hobsbawm irgendwelche Schnittmengen mit unseren Interessen, Herangehensweisen und Gegenständen entdeckt, kriecht ihm meiner Meinung nach auf den Leim. Denn mit diesen Bildern orchestriert Herr Hobsbawm a) subjektiv lediglich die Bedeutung seines weltanschaulichen Weltbilds und die Dringlichkeit seines "politischen Lösungsansatzes" zur vermeintlichen Rettung der Welt vor dem ansonsten befürchteten Chaos und Untergang und b) objektiv die idealistische, pseudo-menschenfreundliche Begleitmusik all des Handelns und Tuns in der westlichen Politik, Ökonomie und sozialen Kultur, die zu der "Katastrophe" führen wird, vor der er warnt. Hobsbawm ist kein guter Ratgeber. Er klärt nichts, sondern verwirrt. Darauf reinzufallen ist nicht bloß ein theoretischer Fehler, sondern ein blutiger - um mal in der Sprache des interviewten Historikers zu reden.

Gruß
Richard


Gesamter Strang: