Prag und seine Sibyllen (Schauungen & Prophezeiungen)

Gerhard, Dienstag, 19.01.2010, 15:37 (vor 5960 Tagen) @ Gerhard (5034 Aufrufe)

Guten Tag!

Ich habe inzwischen die 1515 in Augsburg gedruckte Schrift:

Sybilla: Die dreyzehend Sybilla, ein küngin von Sabba

von der Bibliothek in Berlin erhalten und kann berichten, dass sie nichts über Prag bzw. den böhmischen Raum enthält.

Sie ist aber inhaltlich mit dem auch später immer wieder aufgelegten und erweiterten Volksbuch verwandt und damit als eine der Vorgängerversionen anzusehen (weiteres siehe unten).

Desgleichen habe ich aus der Nationalbibliothek in Wien eine Diplomarbeit von Jutta Weiss (vorgelegt 1995) erhalten:

Sibyllen und sibyllinische Weissagungen in der Literatur des Mittelalters.

Obwohl diese Arbeit zeitlich beschränkt ist, zieht sie doch die Linien bis ins 19. Jahrhundert aus. Sie kann aber auch nur konstatieren, dass in die Drucke ab etwa 1850 halt eine Voraussage über den Untergang von Prag, Pilsen und weiteren Städten eingearbeitet wurde.

Dieser Vorgang ist etwas befremdlich, da die Sibyllenprophetien im allgemeinen sehr pauschal gehalten sind. Und wenn konkret, warum sollte dann ausgerechnet das Böhmerland herausgegriffen werden!!>>

Man könnte sich diesen Vorgang nur so denken, dass es Drucke waren, die im österreichisch-böhmischen Raum gefertigt und vertrieben wurden, und in die man dann aus regionalen Gründen etwas über Prag hineingefügt hat. Doch auch dies sollte nicht geschehen sein, wenn Traditionen von der Zerstörung Prags nicht doch vorher schon umgelaufen wären. Dieser Frage könnte nur ein tschechischer Volkskundler nachgehen.

Dies These von der Einarbeitung einer älteren, separaten Prophetie in das alte Sibyllen-Volksbuch wird gestützt durch das plötzliche Auftauchen jener ganz anderen "Seherin von Prag", die zur Mitte des letzten Jahrhunderts in der Zeitschrift FUTURUM und bei Markus Varena veröffentlicht wird, und die Alexander Gann in seinem Buch ausführlich bespricht. Vielleicht waren diese Texte ja in Teilen (!>) schon viel älter. Jedenfalls aber hat die neue Prager Sibylle eine ganz andere Anlage, Qualität und einen viel größeren Umfang. Während im alten Sibyllenbuch nur erwähnt wird, dass eben Prag vernichtet würde und später der Bauer mit dem Pflug darüberfahre, wird von der neuen Sybille der Untergang konkret beschrieben. Dennoch ist der Untergang Prags nun nur ein Baustein von vielen anderen Prophezeiungen, die teils geschichtliche, teils technische Ereignisse, aber auch ganz andere Naturkatastrophen betreffen.

Ich maße mir kein Urteil über das Textkorpus dieser "neuen Prager Sibylle" an, jedoch darf ich mir erlauben zu sagen, dass man diesen Text nicht einerseits in die "Tonne" werfen, ihn andererseits aber mit einzelnen Sätzen in Argumentationen als offenbar gesichert und wertvoll verwenden kann (wie das hier im Forum bisweilen geschieht). Manchmal habe ich sogar den Eindruck (wenn ich an gewisse ästethische Betrachtungen auf dem Forum der letzten Tage denke), man sei regelrecht "verliebt" in den Untergang von Prag. Wenn man die alte (ca. 1850) und die neue (ca. 1950) Prager Sibylle unvoreingenommen betrachtet, sollte man meines Erachtens eher vorsichtig sein. Der Untergang wird zwar konstatiert und einmal in einer eindrücklichen Vision beschrieben, aber wir kennen nicht den Ursprung dieser Quellen, und haben damit auch keinen Anhalt für ihre Seriosität.

Nach meinem Kenntnisstand leidet Prag in den Visionen des Waldviertlers (er führt es auf Kriegseinwirkungen, speziell Atombomben zurück, aber man kann natürlich auch andere Ursachen überlegen). Ferner leidet die tschechische Region in den Schauungen Irlmaiers (überwiegend wohl durch den "Gelben Strich"). Man kann auch manche Aussagen der alten niederbayerischen Seher dahingehend deuten, dass etwas "Größeres" nebenan im tschechischen Raum sich abspielen muss (aber wiederum eher kriegsmäßig). Schließlich leidet das tschechische Volk in den Voraussagen des Blinden Jünglings (über den sich ebenfalls streiten lässt). Vielleicht gibt es noch andere Schauungen, die sich auf Prag beziehen und seriöser sind. Aber mir drängt sich eher der Eindruck auf, als würde man etwas auf Prag künstlich projizieren und verdichten, was sich zuvor nur in der Volksüberlieferung und nur in Ansätzen gefunden hat.

Wer Interesse an den beiden o.g. Schriften hat, darf sich gerne bei mir melden.

MfG, Gerhard


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