Rill traumatisiert? (Schauungen & Prophezeiungen)

Bär, Mittwoch, 17.02.2010, 22:07 (vor 5931 Tagen) @ Taurec (11643 Aufrufe)

Sei gegrüßt Taurec,


natürlich lag ich nicht neben Rill im Schützengraebn und kann heute nur mutmaßen inwieweit er traumatisiert war.

Vor 100 Jahren machte sich niemand Gedanken darum wenn Vattern aus dem Krieg zurück kam und sich merkwürdig benahm. Selbst die hohe Suizidalität der Vietnam Veteranen machte noch niemanden stutzig. Neu ist also, dass das Phänomen erkannt wird und anerkannt ist als eine Kriegsfolge.

In Bosnien habe ich mit Tausenden zusammen gelebt, die traumatisiert waren. Vor über 20 Jahren waren die Menschen dort sicher nicht verweichlicht. Traumatisierung ist weniger von der Belastbarkeit abhängig als mehr von Vorschäden, also ursprünglichen Traumatisierungen. Bei einem Kleinkind genügt ein deftiges Auftreten Erwachsener um "Todesangst" hervor zu rufen.

Bei Erwachsenen bedarf es größerer Belastungen.

Einen Menschen elendig an einem Bauchschuß sterben zu sehen ist bereits mehr als genug. Unsere jungen Menschen in Afghanistan werden "nur" in relativ geringen Mengen mit Traumata auslösenden Ereignissen konfrontiert. Dennoch ist die Belastung mit einem Drittel recht hoch. Im WK I ging es an der Front weit robuster zu. Herum liegende Teile von Menschen, Tote und Sterbende, die man kannte, waren allgegenwärtig.

Ich schätze, dass bereits nach wenigen Tagen Front die weitaus Meisten belastet waren. Offiziell reden sie unter anderen noch ganz locker darüber. Aber jedes überraschende Geräusch löst bereits einen deftigen Adrenalinkick aus. Das ist im Grunde ein natürlicher Vorgang zur Arterhaltung. Durch andauernde Retraumatisierung werden die Symptome verstärkt.

Versuch einfach, dich mal ein zu fühlen. Du lernst jemand kennen und wenige Stunden liegt der Mensch mit einem Bauchschuß schreiend und hoffnungslos verloren neben dir. Das löst Todesängste aus. Du zeigst sie nicht. Aber sie fressen dich von innen auf. Das Lachen der Gruppe über die unwahrscheinlichen Aussagen des Sehers spricht für einen deftigen Verdrängungsprozeß. Das sind dann "gute" Soldaten.

Wäre es nachprüfbar, würde ich ein Kilo AU auf Rill-Trauma setzen. Die Ausprägung ist natürlich von der Stärke des Reizes, von der Wiederholungshäufigkeit und von der spezifischen Konstitution des Betroffenen abhängig.

Diejenigen, die gar freiwillig in den Krieg zogen, waren von ihrer "Unverletzlichkeit" überzeugt. Die Erfahrung, dass du oder dein Nachbar verletzlich sind, lässt eine Welt zusammen brechen.

PS.: Ich zählte mich mein ganzes Leben zu den härtesten Knochen. Von der gameboy generation war ich Waldschrat Lichtjahre weit entfernt. In Extremsituationen habe ich außergewöhnlich sachlich, ruhig und besonnen reagiert. Und dennoch hat es mich durch nur einen winzig kleinen Treffer erwischt dieses Trauma.

Du kannst dir merken, dass hinter deinem Wagen ein mittelgrauer Ford Galaxy mit etwa 35 bis 40 Abstand zur Stoßstange parkt, vorne ein blauer Passat ca. 70 cm Abstand. Du weißt, dass die Straßenlaterne direkt auf Höhe des Türgriffs der hinteren Tür steht. Aber wenn du zum Auto willst musst du überlegen, in welcher Straße das Autos steht (kommst im Zweifel nicht drauf sondern musst suchen) und mit einem Schlag musst du nachdenken in welcher Stadt du überhaupt bist (geht schneller zu klären da du die Gebäude erkennst). Aber der zebrochene Rest eines kaputten Autoschlüssels der neben dem linken Hinterrad lag, den erinnerst du so, dass du eine Skizze machen kannst von der Bruchstelle des Plastiks.

Gruß vom Bären


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