Re: ... ich möchte einen Antrag stellen... (Schauungen & Prophezeiungen)

Leserzuschrift @, Donnerstag, 08.12.2011, 10:28 (vor 5438 Tagen) @ Baldur (2190 Aufrufe)

Guten Abend Herr Taurec,

vor längerer Zeit gab mir BB mal im Ketzerforum den Rat, mich doch mit den Prinzipien, Unterschieden, Interpretationen, Gültigkeit usw. von Schauungen und Prophezeiungen im Verhältnis zu individuell mehr oder weniger ernst gemeinten oder ernst zunehmenden Schlussfolgerungen aus dem aktuell erlebten und dem historisch erfahrenen auseinanderzusetzen.
Mir will nicht (noch immer nicht) einleuchten, dass es tatsächlich Menschen gibt oder gegeben hat, deren geistige Kraft aus allen denkbaren Zukünften eine einzige - die einzig gültige Weissagung für Ereignisse und die Ergebnisse dieser Ereignisse aus ihren Eingebungen postulieren können und das unabhängig von ihrer gerontologischen und gesellschaftlich Prägung.

Es würde das naturgegebene Ursache-Wirkungsprinzip verletzen, wenn ohne Auslösungsimpuls entsprechende biochemische bzw. bioelektrische Gehirnaktivitäten ausgelöst würden. Es sei auch dahin gestellt, welcher Art dieser Auslöser ist. Das wird erst interessant, wenn die Wirkung mit der vorangegangenen Ankündigung signifikant übereinstimmt. Dann aber muss nach der Ursache gefragt werden.

Ich habe mich seit etwa 40 Jahren sehr ausgiebig mit Analysen von Science-Fiction-Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts beschäftigt. Diese hatte im Wesentlichen alle den gleichen Tenor: Entweder die Errichtung von galaktische Imperien, Reisen durch den Hyperraum, superschlaue und furchtbar moralische Roboter, Ende erdnaher Zivilisationen, die den Gewalten, die sie entfalteten, selber zum Opfer fielen oder aber es waren realsozialistische Modelle, die bei jedem Ereignis vorher das eine oder andere metaphysische Problem der Erde gelöst hatten. Wir haben heute Raumfahrt.
Waren Jule Verne, Stanislaw Lem und andere Seher?

Auch Orwells 1984 ist nur ein Buch mit einer fiktiven Geschichte. Mit analytischer Schärfe zeichnete er das Schreckensbild eines totalitären Überwachungs-Staates.
Er schrieb das Buch 1946 bis 1948. Orwells Sätze sind voller Ironie und bitterer Satire. Und sie sind in Bezug auf die heutige gesellschaftliche Situation überraschend treffgenau. Es lässt sich locker daraus ableiten, dass sich die Erkenntnisse der Sozialwissenschaft in den nächsten Jahrzehnten pulverisieren werden, weil diese der sozialen Wirklichkeit in jedem Jahre immer weniger entspricht. Orwell stellt klar, dass die falsche Wahrnehmung der sozialen Wirklichkeit, diese nicht verlangsamt, aber auch ohne diese Erkenntnis ihre Sprengkraft entwickelt und ohne sie letztendlich aufhalten zu können.
Orwells Buch erschien 1949. Wir schreiben bald 2012. In dem Buch wird aktuelles schon wesentlich erfasst. Sind diese Ähnlichkeiten aus dem realen Leben rein zufällig. Hat Orwell dies Entwicklung gesehen?

Ich kann mich aber gut an ein anderes kleines Buch erinnern: Report from Iron Mountain on the Possibility and Desirability of Peace, 1967, The Dial Sress. Inc. New York Seinerzeit war es vielleicht wirklich Satire oder ein Witz. Das jedenfalls behauptet der Autor – 1972 und somit fünf Jahre nach Erscheinen des Buches 1968 Auf Deutsch trug es den bezeichnenden Titel "Der verdammte Friede".
Es stammte von einem Leonhard Lewin.
( http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Leonard_C._Lewin.html )

Ich mag ja Satire in jeder Form und habe inzwischen eine ansehnliche Sammlung. Aber ich habe später nie wieder etwas Ähnliches in die Finger bekommen. Das Buch ist identisch ist mit dem derzeit erhältlichen „Bericht aus Iron Montain“ (Kopp-Verlag). Es enthält in seinem Vorwort ein paar sehr interessante Details zur Entstehungsgeschichte.
Wie gesagt, fünf Jahre später sah sich der Autor genötigt, sein Werk als Scherz abzutun. Hatte er sich zu weit aus dem Fenster gelehnt?

In dem Bericht geht es um ein Treffen von 15 Spitzenvertretern der US-Elite im US-Atombunker Iron Mountain bei New York im Jahre 1963. Die Experten sollten sich überlegen, was zu tun sei, wenn im damals noch wütenden kalten Krieg plötzlich "der Friede" ausbrechen würde und wie sich die Gesellschaft unter Kontrolle halten ließe, wenn tatsächlich der kalte Krieg zu Ende ginge. Schließlich hatte das "Kriegsystem" eine wichtige "stabilisierende Funktion" für die Gesellschaft, weil das Kriegssystem ermöglichte, stabile Regierungen zu bilden Dieses System ließ sich jedoch wegen der inzwischen in Masse der auf dem Globus vorhandenen Atomwaffen bei Strafe des eigenen Unterganges nicht mehr in der hergebrachten Form anwenden. Es gab eine ganze Reihe von Vorschlägen, aber keiner konnte überzeugen, bis auf einen:

UMWELTSCHUTZ.

Für den amerikanischen Filmproduzenten und Bestsellerautor G. Edward Griffin sind die damaligen Dementis letzten Endes alle unerheblich.
Zitat:
»Von Bedeutung ist nur, dass der Bericht aus Iron Mountain die uns umgebende Realität erläutert. Die darin enthaltenen Konzepte werden heute fast bis ins Detail umgesetzt. Man braucht nur den Bericht in einer Hand und die Tageszeitung in der anderen zu halten, um zu erkennen, dass jeder große Trend im heutigen Leben dieser Blaupause entspricht. Viele ansonsten unverständliche Dinge werden plötzlich deutlich: Entwicklungshilfe, Verschwendung von Steuergeldern, die Zerstörung der Industrie, überwachungs- und polizeistaatliche Entwicklungen, die angebliche Abdankung der Sowjetmacht, eine UN-Armee, die Weltbank, eine Weltwährung, die Aufgabe der Nationalstaaten und die Hysterie der Ökologie. Der Bericht aus Iron Mountain ist eine präzise Zusammenfassung des Planes, der bereits unsere Gegenwart gestaltet. Er formt jetzt unsere Zukunft…“
( http://www.amazon.de/Bericht-aus-Iron-Mountain-erstrebenswert/dp/3942016788/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1312403872&sr=1-1 )
Hatte Levis und das Team schon 1967 also vor über 50 Jahren gesehen, welche Entwicklung die Gesellschaft nehmen würde? Woher kam der (Denk-)Impuls? Haben sie etwas gesehen und dann niedergeschrieben?
Einer geht noch. Die Strategic Defense Initiative unter Ronald Reagan scheint eine vergleichbare Geschichte zu sein, die dem in Phantasie geschulten Hirn eines Schauspielers, der an die Macht katapultiert wurde entsprangen. Nun es waren nicht seine Ideen, sondern die von Edward Teller und John von Neumann. Die Geschichte selber ist nahezu jedem bekannt, im Analogon vergleichbarer Fernsehserien (StarWars usw.).
Haben wir nun SDI oder nicht?

Alle diese Phantasieprodukte hatten eines gemeinsam: die Schriftsteller besaßen einen außerordentlichen hohen IQ. Stanislaw Lem hatte zum Beispiel eine Score von über 180. Albert Einstein 160. Edward Teller 170. Sie hatten ausgebildete Fähigkeiten zur Abstraktion und waren in der Lage aus Fragmenten sinnvolle Bilder zu konstruieren, die auch nach innerer Logik stimmig waren.
Diese Menschen waren offenbar in der Lage zwischen denkbaren und undenkbaren zu differenzieren und daraus von den möglichen Zukünften die wahrscheinlichste zu synthetisieren, so dass die Notwendigkeit der Interpretation entfällt. Tatsächlich waren aber damit auch die undenkbaren Gedanken gedacht worden. Zwar wurden diese verworfen, sind jedoch in der Welt materialisiert –ohne das sie eine Bedeutung erlangt haben oder erlangen konnten, auch wenn sie andere Menschen erreicht haben.

Kann es also sein, dass die historischen Seherpersönlichkeiten in ihrem gesellschaftlich Kontext eben genau diese schon mal von anderen Menschen verworfenen Gedanken postulierten, während alle anderen Gedanken zu der einen historisch zementierten Zukunft=Vergangenheit wurden?

Diese Möglichkeit wird insofern unterstrichen, dass auch bei Lem, Orwell, Lewis und Teller der Zeitbezug ihrer Schauungen nicht durch die präzise Zuordnung von Daten gegeben ist (Jahr, Monat, Stunde), sondern ausschließlich seinen Startpunkt in der Kombination von Ereignissen findet. Dieses WENN-DANN ist aber erst ab da ein offener Zeitstrahl und die Wirkung kann von da aus nur irgendwo liegen. Die Wahrscheinlichkeit ihres Eintreffens liegt somit bei etwas größer als NULL. Und eine solche Voraussage traue ich mir ohne jede Schauung auch zu.
Auch die genannten Personen lagen zwar bezüglich des Zeitpunktes daneben, konnten aber den Eintritt dieser Ereignisse für die nähere Zukunft definieren, da der Startpunkt bereits vergangen war.
Das ist aber der Knackpunkt, den ich bei den historischen und neuzeitlichen Schauungen, die hier im Forum diskutiert werden, nicht erkennen kann.

Ein Startpunkt setzt ein Datum (den Zeitpunkt t=0) voraus, bei dem alle notwendigen Qualitäten aufsummiert sind (Ereignishorizont) und umschlagen können - ergo schon VOR dem Start da sind, d. h. sie MÜSSEN in der Vergangenheit existent sein! Das heißt also bezogen auf ein etwaiges künftiges Ereignis eben HEUTE. Dies sind letztlich quantenmechanischen Zusammenhängen, die sich einfacher Logik entziehen.

Gruß

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