Hallo Baldur,
die Fragen die Du stellst, stelle ich mir auch. Die Zweifel die Du aufzeigst, hege ich schon lange.
Und das Bewußtsein darüber, von einem übermächtigen, sich verselbständigenden System,
wie von den Klauen eines Adlers ummantelt zu sein, teile ich vollkommen.
Siegessicher thront die Bestie über Dir, verdunkelt Dir mit mächtigen Schwingen den Himmel.
Der Kassandra-Komplex ist Dir so alltäglich, daß sich selbst aus rein rationalen Themen
mit vertrauten Personen kein Gespräch mehr füllen läßt,
weil sie Dich für einen unverbesserlichen Pessimisten halten, der Du im Herzen gar nicht bist.
Je dringlicher Dein Ruf - desto dichter die Gehörgänge.
Das sind die Zeichen dieser Zeit - wie ich sie erfahre.
Du bist nicht allein.
Ob es das Weltmodell war, das mir meine Eltern und Großeltern besten Gewissens mitgegeben haben, oder das was man mir in der Schule wie einen Schwedentrunk
in den Leib pressen wollte - es regte sich in mir immer ein Widerstand der auf totales
Unverständnis stieß.
Das war weit mehr als nur die pubertätsübliche Rebellion gegen das Regelwerk der Tonangebenden.
Die Suppe, in der ich schwimme, hat eine eher klumpige Konsistenz und hat als Hauptzutaten
Enttäuschung, Wut, Entrüstung und Trauer.
Fast jeden Tag klebt mir das wie fremdes Exkrement unter den Schuhsohlen - begleitet mich
bei jedem Schritt.
Ich hatte den Widerwillen stets in mir, als eher stiller Charakter. Es ist meine Natur.
Und die ist so total inkompatibel zu dem, was uns derzeit als Ideal vorgegeben ist.
Es ist teilweise, als spräche man eine fremde Sprache seinen Nächsten gegenüber.
Das Anderssein - nein nicht elitär - macht Dich angreifbar. Das nutzen niedere Menschen
weidlich aus. Du bist dann unverstanden und wirkst unheimlich.
Gerade wegen Deines ansonsten milden, stillen Wesens - einem Schizoiden gleich,
wird Dir jede Gefühlsregung als boshaft, unberechenbar oder gemeingefährlich ausgelegt,
obwohl gerade Deine Kritiker diese Wesenszüge zeigen, während Du sie bremst.
Deine Äußerungen gelten als pessimistisch, spielverderbend, antik, unmodern, nationalistisch
oder weltfremd, während alle lieber ihren Fußpilz anbeten, anstatt sich ihrer selbst zu stellen.
Ich habe jetzt drei Jahre hinter mir, die mir noch mal so richtig das Fell über die Ohren gezogen haben.
Nenne das Depression (im Sinne von Gemütskrankheit), aber Freude zu Leid verhält sich
gerade 1:100.
Ich nenne es Herausforderung. Und ich bin keineswegs pessimistisch, obwohl es seitdem
schien, als hätte sich die ganze Welt gegen mich verschworen.
Daß so viel Unheil über mich kommt, wenn auch teilweise ("nur") in passiver Form, hätte
ich mir sonst nur im Zusammenhang mit Kriegswirren vorstellen können.
Und, ja, meine Balken biegen sich - ich leide. Meine Kräfte verschleißen.
Und wenn dann Hilfe kam, war sie egoistisch beflügelt.
Christen kamen um mich zu bekehren. Was ich erlebte, waren teilweise sehr spirituelle Menschen, die aber meiner Meinung nach auch nicht alle Christbaumkugeln dort haben sollten, wo sie sein sollten.
Ein "Gottesdienst" war eher so etwas wie ein Reichsparteitag auf LSD, und mein unfreiwilliger
Exkurs in die griechische Orthodoxie zeigt mir einmal mehr, daß Leute, die mit Wasser kochen, doch bitte auch was genießbares kredenzen sollten, bevor man sich mit Ekel abwendet.
Diese Dienstboten Gottes kann ich ebenso wie meinen geglaubten besten Freund nun dem Kompost verantworten.
Aber die Komplexität der Dinge erfordert von mir totale Funktionalität und Perfektion.
Da ärgert sich natürlich der junge, selbstgeglaubte Gott, wenn ich mal einfach nur krank
bin, oder ganz unberechenbar auf seine Konventionen scheiße.
Ich hingegen erachte nun diesen Fettsack aller Denkblockaden als überteuertes dekadentes Ungetüm voller krankhafter Triebe.
Ich habe mir für meine kleine Fläche hier am Berghang ein paar kleine Obstbäumchen angeschafft.
Mit denen werde ich es ebenso halten: krankhaft himmelwärts treibende Triebe werden von mir beizeiten rücksichtslos abgeschnitten.
Bei allen Bemühungen habe ich es nicht geschafft, in meiner praeapokalyptischen Zeit
völlig reines Gewissens zu sein.
Aber mein Gebäude der Ideale steht - still und unbeugsam, vom Winde unberührt.
Da kann auch noch der ein oder andere Gott vom Himmel fallen, oder der ein oder andere
"beste Freund", derer ich naturgegebenermaßen wenige hatte, sich als Waidloch entpuppen.
Mich überrascht viel mehr die Kurzsichtigkeit dieser Menschen.
Kaum bietet sich bei Siegfried nach dem Duschen im Blutbad mal eine Schwachstelle,
sind die Blutsauger rasch zur Stelle, und geizen nicht mit Ignoranz, gespieltem Mitleid und
Selbstherrlichkeit im Maße von Kleinkindern.
So wie Fliegen von Exkrementen angezogen werden, oder sterbende Bäume von Parasiten
befallen werden, so masturbieren schwache Geister auf dem Leid der Weiterentwickelten.
Allein die wackere Tapferkeit dieses liebevollen Systems der vollkommenen Menschenverachtung hat Fürsorge dafür getragen, daß leibhaftigen Verbrechern keine Strafe
blüte. Noch viel mehr: Der Abschaum dieser Zeit weiß dieses widerwärtige System für seine Zwecke schamlos auszunutzen, und wird dazu teilweise noch fürstlich entlohnt.
Das trifft nicht nur auf Bankster zu, sondern auch auf Ungetüme, die beabsichtigen, Kinder zu rauben.
Doch ab und zu trifft eine einzelne Seele mal auf ein paar Kulturbereicherer, die nichts
anderes im Sinn haben, als einem widerspenstigen Autochthonen ohne vorzeigbarem Grund
Fingergelenke zu zerstören, auf daß er sie fürderhin nicht mehr so hart in die Fresse
schlagen kann.
Doofe Natur. Ich hätte die Mädchenschreie in meiner Nachbarschaft ebenso wie die
Drogendealer ignorieren sollen.
Ich konnte ja nicht wissen, daß "Teenager"-Verwemsen russischer Volkssport ist, und
jegliche Kritik daran mit Mafiamethoden sanktioniert wird.
Nach dieser Foltergeschichte fing der Spaß aber erst an für mich.
Erst da ging es so richtig los, als sich der Abschaum vor meiner
Rache sicher wähnte.
Ich komme gar nicht mehr zum sortierten, zu nahe kommen die
Granaten des täglichen Lebens. Ich bin es satt.
Aber ich werde bald auch mal wieder gut schlafen, und mich
aus meinem Bett erheben.
Und dann? Ich habe standgehalten.
Aber können diese feindseligen Kräfte auch mit Gegendruck umgehen?
Sollte da noch mal so ein Brathänchen auf meiner Brust thronen,
haue ich dem ebenfalls beizeiten emotionslos den Kopf ab.