Bücher, Bücher, Bücher (Schauungen & Prophezeiungen)

Gerhard, Dienstag, 17.11.2009, 16:03 (vor 6023 Tagen) (5388 Aufrufe)

Guten Tag, und ein "Hallo" vor allem an die Bibliographen und Urtextsucher im Weltenwendeforum!

Hat jemand von Euch den folgenden Text schon einmal in der Hand gehabt?

Sybilla || Die dreyzehend Sybilla || Ein küngin von Sabba || Die vor langer zytt || Zukünfftig geschicht || Zu erkennen gydt ||
Erschienen: zu Augsburg bey Johann Schönsperger [d.Ä.]), [um 1515]
Umfang: [6] Bl. : Titelholzschn. ; 4°

Das scheint mir der älteste Druck der 13. Sybille, genannt Michalda, zu sein.
Er liegt in Berlin und in Wien. Falls keiner von Euch eine Kopie hat, würde ich nun eine besorgen.

Denn ich mache mir gerade Gedanken über diese spezielle sabäisch-böhmische Sibylle. Gefühlsmässig würde ich sagen, dass es sich um ein "Fabrikat von Prophezeiungen" handelt, ähnlich dem "Lied von der Linde". Aber trotzdem wäre ich bereit, ein bißchen Zeit darauf zu verschwenden, damit ich erfahren kann, wie Prophezeiungen entstehen, weitergegeben, umgeformt und benutzt werden.

Mein jetziger Kenntnisstand ist folgender: aus der Tradition der sibyllinischen Bücher der Antike hat sich kurz nach 1500 die Sibylla Michalda, Königin von Saba, zu Besuch bei Salomo, literarisch abgezweigt. Frühester Beleg dürfte obige Flugschrift sein.

Damit zusammenhängen muss ein später oft genannter Druck in Eger/Böhmen um 1616, den ich aber nirgendwo nachweisen konnte. Ich persönlich glaube nicht, dass er wirklich existiert.

Der nächste Beleg für das Werk ist ein Scan im Internet

http://www.remmick.org/Sibylla.Book.XIII/

Der Schrift bzw. dem Druck nach handelt es sich ein Buch aus dem 19. Jahrhundert, doch wird vom Betreiber der Website behauptet, dass es aus der Zeit vor 1816/17 stammen soll (er schätzt ebenfalls auf 1619, was aber ganz sicher nicht stimmt, wenigstens nicht für das gezeigte Exemplar).

So weit ich sehe, ist dieser Text identisch mit demjenigen, der (von Fred Feuerstein stammend) bei den Seherschauungen steht, aus dem 20. Jahrhundert stammt, aber wohl auf ein Exemplar zurückgeht, das auch schon ca. 1850 vorlag, und in diversen Bibliothekskatalogen verzeichnet ist.

Auch wenn dieser Text fiktiv von der sabäischen Königin Michalda zu Besuch bei Salomo handelt, so ist doch auffällig, dass darin auch die Rede ist vom Untergange Prags (und weitere Städte der Tschechei, etwa Pilsen, werden genannt). Das heißt also, dass bei späteren Drucken der 13. Sibylle (vielleicht aber schon bei o.g. vermutlich ersten Druck von 1515) böhmische Interessen hineingeflochten wurden.

Neben dieser "13. Sibylle" bzw. "Königin von Saba/Sheba", taucht dann eigenartigerweise nach dem Zweiten Weltkrieg eine "Sibylle von Prag" auf, auch "Sibylle Weis" genannt, deren Mädchennamen mit Michalda angegeben ist und die nun eine (wohl fiktive) Biographie hat. Diese Sibylle Weis hat ebenfalls Prophezeigungen über die Moldaustadt, darunter den bekannten Untergang, doch nun gibt es als Zugabe sehr umfangreiche Voraussagen über ältere Zeiten sowie über Gegenwärtiges und Zukünftiges (von heute aus gesehen). Der Text hat fast nichts mehr mit der obigen "Sybille XIII" zu tun.

Er wird abgedruckt bei Alexander Gann und Markus Varena, und er steht ebenfalls bei den Seherschauungen. Der Ursprung des Textes ist unbekannt, doch dürfte er zwischen den beiden Weltkriegen in Prag entstanden sein (ist meine eigene Schätzung). Es handelt sich um eine Neuschöpfung, die aber Material/Ideen aus den älteren Volksbüchern zur oben genannten "Sybille XIII" aufgegriffen hat. Vermutlich kann man nur mit Kenntnissen in Tschechisch hier bibliographisch und inhaltlich weiterkommen.

Ich bitte um Korrektur und Ergänzung dieser Darstellung, falls jemand schon weiter gekommen ist.

Gerne würde ich noch ein paar weitere derartige bibliographische Angaben in diesem Thread/Thema/Gedankengang veröffentlichen, die von allgemeiner, aber leider nicht praxisbezogener Bedeutung sind. Wäre das möglich?

Grüsse, Gerhard


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