nur für Prophetologen (Schauungen & Prophezeiungen)

Gerhard, Freitag, 20.11.2009, 13:04 (vor 6020 Tagen) @ Gerhard (4232 Aufrufe)

Hallo, hier ein weiteres Buch, das ich für wertvoll halte.

Es hat über 800 Seiten und man liest es eigentlich nicht von vorne bis hinten, sondern blättert darin und bleibt hier und da hängen. Oder man braucht es gelegentlich, um etwas nachzuschlagen. Ich habe es günstig im Antiquariat bekommen, sonst würde ich mir es eher in der Bibliothek ausleihen:

Georges Minois
Die Geschichte der Prophezeiungen
Düsseldorf (Patmos) 2002

Vielleicht ist es nur was für Stubenhockergelehrte. Doch enthält es alle wichtigen "Propheten" und Typen von "Prophetien" der bisherigen Weltgeschichte - und wie sie genutzt und wie mit ihnen verfahren wurde, inklusive Utopien, Trendforschung/wissenschaftliche Prognose und volkstümliche Prophezeiung (zu welchen wir wohl gehören).

In der Einleitung und im Schlußwort stehen kluge Sätze, philosophische natürlich, nicht praktisch umsetzbare.

Der Autor ist Pessimist und sieht für unsere Gegenwart überwiegend Degeneration und Verwirrung. Auch die Prophezeiungen sind halt nicht mehr das, was sie einst waren. Ich zitiere von den letzten Seiten:

"Alle Voraussagemaschinen sind gestört, und keiner gelingt es, die Komplexität der heutigen Welt zu erfassen, in der alles mit allem zusammenhängt, alles sich vermischt und in der man den Schein nicht mehr vom Realen unterscheiden kann. Das Ganze erweckt den Eindruck eines kollektiven Wahns, einer weltweiten Schizophrenie. Die moralischen Werte und die Ideologien zerfallen; die Welt ist nicht nur entzaubert, sie hat auch kein Ziel mehr, ein ohne Kompaß auf dem Meer der Raumzeit umherirrendes trunkenes Schiff. Wie soll man auf solch einem Schiff die Zukunft voraussagen? Und was würde es nützen, wenn der Wille fehlt, das, was vorhergesehen wird, zu erreichen oder zu verhindern?
In diesem Buch haben wir aufzuzeigen versucht, dass nicht der Inhalt der Vorhersage zählt, sondern ihre Rolle als Handlungsanleitung; die Vorhersage ist dazu, ein Verhalten zu rechtfertigen oder zu verändern."

Die "Highlander", die in der Zeit reisen und dennoch mit dem Schwert kämpfen, findet der Autor "bezeichnend für eine Epoche, die nicht mehr voraussagen kann, weil sie nicht mehr weiß, wo die Zukunft liegt."

Trotzdem ein schönes Wochenende!

Gerhard


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