Nostradamus X/72 (Schauungen & Prophezeiungen)

Ischa, Samstag, 18.09.2010, 18:13 (vor 5718 Tagen) (4271 Aufrufe)

Liebe Forumsleute,

ich bin neu, lese seit längerem mit, grüße Euch nun und möchte zwei Denkanstöße in die Runde legen.
Lieber Bernhard, ich schätze Dein Buch noch immer sehr, das mir um 1999 viel Klarheit gebracht hat. Vor allem die Impakt-Deutungen halte ich nach wie vor für gültig. Sie haben Bilder in mir geweckt, von deren Richtigkeit ich überzeugt bin, wenngleich es sich hier um das Gebiet der Intuition handelt. Damals hat mich vor allem berührt, dass ich unmittelbar nach der Lektüre Deines Buches diese Impakt-Aspekte auch in der Apokalypse des Johannes, fand (Offb.612-15 und 8,7-12und 16, 18-21) und dann auch in den sogenannten "kleinen Apokalypsen" der Synoptiker des Neuen Testaments (Lukas 21,25-27, Matth. 24, 27,29-30, Mrk13,24-26), also bei allen 4 Evangelisten.
Ich weiß, dass Ihr keine religiösen Aspekte in der Diskussion wollt. Da ich Nostradamus aber nur so überhaupt verstehen kann, wage ich es trotzdem, zumindest einmal, diese Aspekte anzusprechen. Jeder macht damit, was er will, bitte ohne Streit.

1. zum berühmten Vers X,72:
Mich überzeugt aus verschiedenen Gründen die Deutung von Dir, Bernhard, es handle sich um das Jahr1589, nicht. Das augenfällige Datum 1999 sollte – vielleicht – ein Verwirrspiel sein, aber vermutlich nicht so sehr, dass es 400 Jahre lang kaum jemandem aufgefallen ist.
Ich habe zu dem Vers folgende Gedanken:
l’an mil neuf cens nonante neuf: nicht 1999, sondern
mil neuf cens =1900,
cens dann im Doppelsinn von 100, also 1900+100=2000
nonante als lat. non ante = nicht vorher
neuf = 9
also: nicht vor 2009.

Versteht man nonante neuf sept mois in einem zweiten Sinn, könnte man auch deuten 99 mois = Monat = 8 Jahre, 3 Monate und dann sept mois = im siebten Monat oder diese 7 Monate noch dazu ist der 10. Monat: Finanzkrise, Oktober 2008.

Für mich macht es Sinn, die endzeitlichen Geschehen mit einer Marke von mindestens 10 Jahren vorher anzukündigen, damit man sich vor allem geistig und eventuell auch materiell darauf vorbereiten kann. Auch wenn viele sich enttäuscht wieder abgewandt haben, als nach 1999 nichts Offensichtliches passierte, hat doch eine erste Beschäftigung mit dem Thema Apokalypse stattgefunden.

Vielleicht ist die Jahreszahl auch ganz symbolisch zu verstehen, 999+1= 1000, also kurz bevor das Geschehen sich auf eine andere Ebene, die der 1000, hebt, bevor dieses Neue der Friedlichkeit auf Erden beginnt.
In der jüdischen Mystik bedeutet die 9....


Astrologisch gab es zur Sonnenfinsternis 1999 ein sogenanntes "kosmisches Kreuz", in dem sich wichtige Planeten in der Form eines Kreuzes gegenüberstehen und damit große Spannungen indizieren. Eine solche Konstellation scheint eher selten zu sein, wenngleich in 2010 wieder zu beobachten. (Ich bin aber nicht gut genug in Astrologie, um das zu vertiefen.)

"Le grand roy d’effrayeur" (X,72 Vers 2) sehe ich als den Impaktor an, der vom Himmel kommt, in doppelter Bedeutung, einmal eben aus dem Kosmos, woher auch immer. Und zum anderen, weil dieser Impaktor vermutlich den 3. Weltkrieg beenden wird, der nur deshalb von kurzer Dauer sein wird. "effrayeur" hat den Doppelsinn von frayeur=Schrecken und eff- wie ex- als Vorsilbe, nimmt etwas weg, heraus, beendet also den Schrecken des 3. Weltkrieges.
Resusciter ist ein biblischer Begriff: Auferstehen. Hier steht der "grand Roy d’Angolmois"(Vers 3) auf. Ich halte ihn nicht für einen König von Angoulème, sondern deute das Wort wieder religiös:lat. Angol = Engel; moi = ich; der Engel, der das Ego lebt, sich abspaltet, der Widersacher. (Ungeklärt bleibt allerdings das s von mois). Der hält Auferstehung. Nostradamus schreibt im 2. Vorwort: "En apres l’Antechrist sera le prince infernal, encores par la derniere fois trembleront tous les Royaumes de la Chrestienté, et aussi des infidelles par l’espace de vingt cinq ans." (Allgeier, S. 390) Danach wird der höllische Prinz der Antechrist sein (der, der vor Christus kommt). Noch einmal und zum letzten Mal werden alle christlichen Reiche erzittern, und auch die der Ungläubigen während eines Zeitraums von 25 Jahren. (übs. von mir)
Weiter unten wird der "prince infernal" direkt "Satan" genannt. "...tant de maux se commettront par le moyen de Satan, prince infernal, que presque le monde universel se trouvera defaict et desolé ": und so viel Übles wird begangen werden durch die Möglichkeiten/Mittel Satans, des höllischen Prinzen, dass beinahe die ganze Welt zerstört und in jammervollem Zustand sein wird.(übs. von mir) Dann kommt die direkte, fast wörtliche Bezugnahme zu Jesaja(Jes.65,16e-25) und Johannes(Offb.13,11-18 und 20, 1-3), die zeigt, dass sich Nostradamus im Rahmen der biblischen Prophetien bewegt: "...sera...siecle d’or: Dieu le Createur dira entendant l’affliction de son peuple, Satan sera mis et lié en l’abysme du barathre dans la profonde fosse. Et adonc commencera entre Dieu et les hommes une paix universelle, et demeurera lié environ l’espace de mille ans… "(Allgeier, S. 390): und das goldene Zeitalter wird sein/anbrechen. Gott der Schöpfer wird sagen, dass er die Trübsal seines Volkes gehört hat, Satan wird gepackt und geworfen werden in den Abgrund der Unterwelt in den tiefen Graben. Und dann wird zwischen Gott und den Menschen ein universeller Frieden beginnen. Und Satan wird gebunden bleiben ungefähr für den Zeitraum von 1000 Jahren. (übs. von mir)
Dieser höllisch Fürst wird also durch Weltkrieg und Impaktgeschehen, Reihenfolge unklar, auferstehen, d.h. seine größte Machtfülle erhalten. In der Offenbarung des Johannes ist diesbezüglich vom "Tier" die Rede, das große Wunder tut und das alle anbeten müssen, indem sie sein Zeichen annehmen, 666. (Offb.13,18 und 14,9). Auf die reale Vorbereitung einer Weltherrschaft im Sinne von New World Order (Bilderberger etc.), Kontrollmaßnahmen und Barcode(666) sei hier nur am Rande verwiesen.
Die Frage der Auferstehung des Antichristen wird auch in den Sixains berührt: In 28 heißt es:
"L’an mil six sens & neuf ou quatorziesme
Le vieux Charon fera Pasques en Caresme..."

Der alte Höllenhund wird in der Fastenzeit, das heißt zur Zeit von Hungersnot, Ostern feiern, das heißt auferstehen. Diese Zeile deute ich auf den Widersacher = letzter Antechrist. Im übrigen bin ich davon überzeugt, dass die Sixains im wesentlichen von dieser letzten Zeit sprechen und sich auf unser und nicht auf das 16. Jahrhundert beziehen.
Im Sixain 48 heißt es
"Du vieux Charon on verra le phoenix
Estre premier & dernier de ses fils
Reluire en France…."

"Man wird wie Phoenix aus der Asche den alten Höllenhund auferstehen sehen, er ist erster und letzter seiner Söhne, er wird leuchten in Frankreich..."
(übs. von mir)
Auch hier sehe ich den letzten Antichrist im "Charon", der aufersteht. Er ist der erste, der sich als Engel, Gott widersetzt hat und auch der letzte, der vor Beginn des Friedensreiches noch einmal versucht, alles zu beherrschen (wie wörtlich oder symbolisch auch immer.)


2. zu Heinrich dem Glücklichen:
Henry bedeutet für mich INRI: Jeshua Nacoreus (oder so ähnlich, der aus Nazareth), Rex = König, Judorum = der Juden. Das ist die Inschrift am Kreuz, sie benennt das Vergehen, das zur Kreuzigung führte: dieser Jesus hat sich als König der Juden bezeichnet.
Inri wird praktisch genauso ausgesprochen wie Henry, vor allem, wenn man den accent du midi, die provenzalisch geprägte Aussprache in Südfrankreich, mitbedenkt.
Die Deutungsverrenkungen Henry II und Chiren betreffend habe ich immer als unstimmig erlebt.
Für mein Empfinden treibt hier Nostradamus mit Vergnügen ein Verwirrspiel mit den zeitüblichen Untertänigkeitsfloskeln einem König gegenüber, will sich vielleicht vor der Inquisition schützen und verwendet die Majestätsbezeugungen, heimlich lachend, in seinem Sinne.

Ich nehme für die Deutung der Centurien aber ernst, dass Nostradamus sowohl Judentum als auch Christentum im Kern ernstnahm, in jenem Kern vielleicht, der auch anderen Eingeweihten oder Sehern in Jahrtausenden bis zum heutigen Tag zugänglich ist und in dem gesehen wurde, dass es eine Zeitenwende, Weltenwende, Apokalypse, "in der letzten Zeit" biblisch ausgedrückt, geben wird. Danach kommt eine neue, heilere Zeit, 1000 Jahre Frieden auf den verschiedensten Ebenen, wobei tausend in der jüdischen Mystik auch einfach bedeuten kann: eine neue Zeitqualität, also eine nicht wörtlich zu nehmende Zahl von Jahren. Ich gehe davon aus, dass Nostradamus mit seinen prophetischen Qualitäten gesehen hat, dass Jesus wiederkommt (in welcher direkten oder indirekten Form auch immer). Das steht auch bei vielen anderen Sehern, die hier im Forum als religiös draußen bleiben, aus vielleicht guten, jedenfalls verständlichen Gründen.
Ich gehe aber davon aus, dass Nostradamus ohne diesen Hintergrund im Kern und auch in allerlei Details gar nicht verstanden werden kann.

Im Alten Testament bei Jesaja steht, dass Gott bei den Menschen wohnen wird (Offb.21, 1-4) und in der Apokalypse des Johannes heißt es, dass Jesus wiederkommt (Offb.22,12). Deshalb begrüßt Nostradamus Jesus mit "Henry second", den INRI, der zum zweiten Mal kommt.
Ich bleibe mal beim Wortlaut des 2. Vorworts und zitiere nach Allgeier 1988, S. 366:
A L’invictissime tres-puissant et tres-chrestien Henry Second:
L’invictissime
= der Unbesiegbare!!! welcher weltliche König kann das von sich behaupten?
tres-puissant = sehr mächtig
Wenn ich in diesem Sinne interpretiere, gibt sich Nostradamus mit tres-humble et tres-obeyssant serviteur als treuer Untergebener und wünscht diesem Henry Second:
Victoire et felicité, Sieg und Glückseligkeit.
Nostradamus wiederholt nochmal im ersten Satz "…ô Tres-Chrestien et tres-victorieux Roy"... im religiösen Sinne ist der göttliche Bereich derjenige, der siegen wird. Zweimal erscheint das Wort "chrestien".
"Pour icelle souveraine observation que j’ai eu..." übersetzt Allgeier mit "Dank der königlichen Beachtung, die mir zuteil wurde". Ich finde darin noch die Doppelbedeutung der observation = Beobachtung, nämlich der Visionen und vermutlich auch der dazugehörigen astrologischen Konstellationen (an die 20mal betont Nostradamus in den beiden Vorwörtern, dass – auch - astrologisch berechnet wurde!!).
Weiter heißt es "... ma face....se présente au devant de la deité de vostre Maiesté immesurée". Deité = Göttlichkeit, das ist für meine Begriffe deutlich, auch wenn man die zeitüblichen Majestätsvereherungsfloskeln mitbedenkt.
Majesté immesurée = unermessliche Majestät trifft ein Göttliches noch mehr als einen irdischen König.
"depuis en ca i’ay esté perpetuellement esblouy, ne desistant d’onorer et dignement venerer iceluy iour que premierement devant icelle ie me presentay, comme à une singulière Majesté tant humaine". Allgeier (S. 367) übersetzt "esblouy" mit "geblendet", es heißt auch "verblüfft, aufs höchste verwundert". Seitdem bin ich diesbezüglich immerzu in einem Zustand der Verwunderung und höre nicht auf zu ehren und würdig zu verehren jenen Tag, als ich zum erstenmal vor dieser Majestät mich zeigt, wie einer einzigartigen und so sehr menschlichen Majestät. (übs. von mir). Ich verstehe diese Stelle so, dass Nostradamus Lichterlebnisse bzw. Begegnungen mit dem Göttlichen hatte. (Man kann das bei den verschiedensten Mystikern nachlesen.) Er sagt ja auch im ersten Vorwort, dass seine Schauungen von Gott gegeben sind. – Die Begriffe "einzigartige Majestät" kann ich wiederum auf eine göttliche Qualität hin deuten. Wer diese Kontakterlebnisse mit dem Göttlichen kennt, weiß, wie "tant humaine"-"durch und durch menschlich", sie sind, nämlich von bedingungsloser Liebe, dem was ein Mensch sich nur wünschen kann. Außerdem spielt er hier auf die Göttlichkeit des Menschen Jesus an.
Im nächsten Satz ist von "vostre serenissime Maiesté" die Rede, die allerglücklichste, heiterste Majestät. Wenn solche mystischen Erlebnisse nicht erschrecken, sind sie von unvergesslichen Glücksgefühlen begleitet.
Dann spricht Nostradamus von "... ma tant longue obtenebration et obscurité estre subitement esclaircie et transporté au devant de la face du souverain œil, et du premier Monarque de l’Univers." Auch hier scheint er mir von einer mystischen Begegnung mit dem Göttlichen zu sprechen, wenn er von plötzlicher "eclaircie", Licht, Erleuchtung, Klarheit spricht, nach sehr langer Verdunkelung und Dunkelheit, vermutlich des Geistes vielleicht auch des Gemüts. Danach kommt Heiterkeit. Mit dem "souverain oeil" assoziiere ich das göttliche Auge, das Dreieck mit dem Auge darin, oft auch Symbol für Geheimbünde.
Dann ist vom "ersten König des Universums" die Rede. Das kann kein zeitgenössischer oder zeitnaher Henry II sein.
Daran schließt sich die Argumentation an, dass Nostradamus lange überlegt hat, wem er diese restlichen Centurien widmen könnte, die die Tausend voll machen und es schließlich gewagt hat, sie diesem König des Universums zuzueignen. Einem König etwas zu widmen, scheint mir weniger den Begriff "temeraire andace" (vermutlich audace) = kühne Verwegenheit zu rechtfertigen als eine Widmung an jenen Bereich des Göttlichen.
Im nächsten Satz ist am Beispiel Plutarchs ganz deutlich die Rede von Opfergaben an die unsterblichen Götter. Die dort erwähnten Opfernden sind vor dem Göttlichen so erschrocken, dass sie "es nicht mehr wagten, im Tempel zu erscheinen";(Allgeier, S. 367). Mit diesem Satz kommentiert Nostradamus sein eigenes Vorgehen, wenn es um den göttlichen Bereich geht: er hat keine Angst, sich ans göttliche Licht zu wenden. Warum nicht:
"Ce nonobstant voyant vostre splendeur Royalle, accompagnée d’une incomparable humanité, ay prins mon adresse, non comme aux Roys de Perse, qu’il n’estoit nullement permis d’aller à eux ny moins s’en approcher": "Da ich aber Euere Königliche Hoheit kenne, die mit unvergleichlicher Menschlicheit verbunden ist, habe ich mich an Sie gewandt, schließlich habe ich keinen persichen König vor mir, zu dem man keinesfalls gehen, ja, dem man sich nicht einmal nähern durfte." Allgeier (S. 367) Auch hier setzt sich Nostradamus vom Negativbeispiel der persischen Könige ab, die als gottgleich verehrt wurden und vor denen es nur ehrfürchtige Distanz gibt. Im Gegensatz dazu ist sein König von "splendeur Royalle", was ich als überirdisches Licht interpretiere, nicht als menschlichen Prunk, und von unvergleichlicher Menschlichkeit. Und Nostradamus kennt ihn, ist ihm also begegnet. Für mich ist diese von N. erwähnte "Maiesté" Jesus, der Mensch aus dem göttlichen Bereich, daher "incomparable", nicht vergleichbar. Und von einer Menschlichkeit der bedingungslosen Liebe, dies der ganze Inhalt seiner Botschaft.

Ich wiederhole nochmal die Begriffe für das Göttliche in Henry Second:
invictissime
Tres-chrestien
Victoire et felicité (Friedensreich)
ô Tres-Chrestien
La deité de vostre Maiesté immesurée
Singulière Majesté tres humaine
Premier Monarque de l’Univers
(dieux immortels bei Plutarque,
Roys de Perse, wohl als göttlich verehrt)
Splendeur Royalle
Incomparable humanité

Es werden Begriffe verwendet für Henry II, die die Doppeldeutigkeit INRI einerseits – weltlicher Herrscher andererseits umspielen. Ich vermute, für Nostradamus war es ein Freudenfest, so mit den Wörtern zu spielen und die ihn mit Licht und Freude erfüllende Begegnung mit dem Göttlichen in dieser Weise sowohl auszusprechen als auch vor Unwissenden zu verbergen.


Gesamter Strang: