Lieber Berliner im Exil,
vielleicht wird Dich interessieren, dass ich zwischen der Beziehung Judentum-Christentum einerseits, und Islam-Baha'i-Religion andererseits, viele Parallelen sehe.
Die Baha'i-Religion ist im Vergleich zum Islam ebenfalls sehr milde, betont stark die Lehre von der Vergebung als Gegengewicht zur Gerechtigkeit, fordert die Feindesliebe, preist das Martyrium unter Bedingungen der Verfolgung, ruft aber gleichsam zu Gewaltlosigkeit auf.
An vielen Stellen verweist Baha'u'llah auf Lehren Christi, etwa indem er den Ausspruch erneuert, der Gläubige solle dem König geben, was des Königs ist, aber Gott, was Gottes ist.
Während Judentum und Islam von im weitesten Sinne auch weltlichen Herrschern verkündet und gewaltsam verbreitet wurden, haben die Verkünder des Christentums und Baha'i-Glaubens jedoch als rein geistliche Kräfte betätigt und hatten unter Bedingungen der schweren Verfolgung zu leiden. Dadurch mögen sich Parallelen erklären.
Auch das "Nährboden"-Bild wird durch die Baha'i-Lehre widergespiegelt: Demnach hatte jeder Offenbarer, von Mose über Jesus bis Mohammed, seine jeweilige historische Mission. Keine ihrer Verkündigungen sei für die Ewigkeit, sondern die "jeweils beste Medizin" für die Krankheit des Menschen in ihrem jeweiligen historischen Kontext.
Diese Sichtweise erlaubt es einem, die aus heutiger Sicht fragwürdig erscheinenden Lehren Moses oder Mohammeds historisch zu betrachten und ihnen zuzugestehen, dass sie zur Zeit ihrer Verkündigung durchaus einen sittlichen Fortschritt darstellten, aus heutiger Sicht aber als veraltet anzusehen sich aufdrängen.
Immerhin war im hohen Mittelalter die frühe islamische Welt kulturell und wissenschaftlich dem Abendland weit überlegen. Und sicher stellte z.B. eine vierfache Polygamie unter der Bedingung, alle Frauen müssten versorgt werden können und der Ehe zustimmen, einen sittlichen Fortschritt gegenüber der von den vorislamischen Arabern praktizierten Raubharems und Kindstötungen von Mädchen.
Aber auch ich bewege mich hier allzu weit vom Thema weg und werde es deswegen mal auf sich beruhen lassen an dieser Stelle...
Ein angenehmes Wochenende!
Bernhard