Für Gerhard (Schauungen & Prophezeiungen)

RichardS, Sonntag, 04.04.2010, 20:27 (vor 5885 Tagen) @ Gerhard (3827 Aufrufe)
bearbeitet von RichardS, Sonntag, 04.04.2010, 20:34

Lieber Gerhard!

Am Tag des Begehens der Auferstehung des HERRN also meine Antwort.
ER selbst (in seiner Gänze für uns Erdenkinder ohnehin nicht erfassbar) steht ja für weit weit mehr als nur das, was in den letzten Tagen in einem von trace eröffneten Nachbarfaden diskutiert wird: Bi- und Translokation. ER ist Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist. Somit gar drei(!)faltig in seiner Wesens-Einheit. Unteilbar - und doch zumindest in seiner Menschwerdung als Gottes Sohn in der Gestalt von Jesus von Nazareth aus Fleisch und Blut gleichzeitig auch von sich geschieden (so jedenfalls nach meinem zugegeben begrenzten Auffassungsvermögen) - und das für die Dauer von etwa dreißig Jahren. Erst nach seiner Auferweckung/ Auferstehung von den Toten fährt Gott Sohn, sein Grab leer zurücklassend und sich eine Weile noch einigen Menschen zeigend, zum Himmel und vereinigt sich dort (wieder?) mit seinem Vater und dem Heiligen Geist.
Sicher könntest Du mir erzählen, dass es auch außer- und vor allem schon vorchristliche triadische Vorstellungen von Gottheiten gibt. Aber darum geht es mir nicht. Und auch nicht darum, dass die christliche Gottesvorstellung einer Dreifaltigkeit erst nach und nach sich herauskristallisierte, selbst das Neue Testament "nach heutigem bibelwissenschaftlichem Konsens" keine Trinitätstheologie enthält, auch das Christentum, noch immer eine wesentliche Grundlage unserer Kultur (trotz aller Beschädigungen und Relativierungen), selber von innen heraus in einem ständigen Wandel ist und keineswegs so ehern und fest wie man vermuten könnte, wollte man sich ein kindliches Bild davon machen, was göttliche Wahrheit ist (von Ewigkeit zu Ewigkeit).
Worum es mir geht:
1. Das Christentum, auf welchem unsere Kultur hierzulande (noch immer) aufbaut, ist in seinen Lehren, Anschauungen, Erzählungen, Botschaften und Offenbarungen gespickt mit Mysterien, die alle "wunderbar" sind und nicht von jedem mit Intellekt Gesegnetem so ohne weiteres oder jemals fass- und durchdringbar. Darum gibt es wohl auch die Rede von der Gnade des Glaubens. Es gibt außer dem dreieinigen Gott auch die Heilige Jungfrau Maria, die Gottesmutter und ihre unbefleckte Empfängnis, es gibt Engel, Teufel, Sünder und Heilige, Visionen, Träume, Prophezeiungen... Mit dem unser kleines Trüppchen einigenden 'Fachgebiet' der Schauungen - Analysen - Prognosen müssten wir eigentlich einen festen Stammplatz mitten in unserer Gesellschaft haben statt als etwas skurill und absonderlich wahrgenommen zu werden, wenn überhaupt, und mit ein Grund, dass schon das bloße Thema Schauung den damit ernstlich Befassten verdächtig machen kann, dürfte wohl sein, dass die christlichen Kirchen hierzulande selber meiner Wahrnehmung nach speziell zu ihrer Abteilung Visionen und Prophezeiungen immer weniger zu stehen sich trauen. Die Macht und der Siegeszug falsch verstandener Aufklärung macht vor dem Christentum schon lange nicht mehr halt.
2. Ich bin in einem zum Teil sehr katholischen Umfeld aufgewachsen und dieser Stempel hat, egal wie ich zum Katholizismus stehe, wohl für mein ganzes Leben tiefe Spuren in mir hinterlassen. Ich erinnere nicht, als Kind oder Jugendlicher mir tiefere Gedanken zu den Visionen und Prophezeiungen, wie ich sie in der Bibel hätte lesen können, gemacht zu haben. Vielleicht legten Familie, Kirche und Religionsunterricht bei mir auf dergleichen (im Unterschied zu anderen religiösen und moralischen Aspekten rund ums katholische Gewissen und Wissen) auch wenig bis keinen Wert. Aber seit ich mich mit unserem Thema hier befasse, schleichen sich wohl doch mitunter - ohne dass ich mir dessen immer bewusst bin - Vorstellungen in meine Gedankenwelt ein, die ich quasi als Mitgift mit mir herumschleppe: Da müssen Visionen großartig und als Visionen eindeutig erkennbar sein - eben etwas Wunderbares, das im Sinne von über jeden Zweifel erhaben "offenbar" ist. Träume wie der von trace oder der von mir weiter oben noch einmal erwähnte vom letzten Sommer haben es da bei beiden Richards schwer, bei Groß-Richard, weil er ohnehin aus reinem Schutzinstinkt zu Skepsis neigt, und bei Klein-Richard, weil der zwar glauben will, aber an etwas Großes, etwas Großartiges, ihn total Beeindruckendes glauben will - und nicht erst das ewige Fieseln, Zweifeln und hin und her und zurück Interpretieren auf sich nehmen will, um von etwas Wahrem überzeugt zu sein. Da müssen es schon Texte und Behauptungen sein wie z.B. von dem Kaliber: 'Und da standen 5 Engel vor mir, und der Raum war voll Licht, und der erste Engel sprach usw....' Auf der Basis lässt sich am Ende auch Klein-Richard von Groß-Richard überzeugen, zusammen mit diesem die mühsame Arbeit des Deutens vieler rätselhafter und symbolträchtiger Aussagen auf sich zu nehmen. Aber wenn jemand von einem Traum erzählt, von dem er selber nicht überzeugt ist, ob in diesem überhaupt ganz oder teilweise irgendetwas Allgemeingültiges, mit kollektiver Zukunftsrelevanz Verknüpftes sich offenbarte und / oder wenn der zur Kenntnis gebrachte Traum bei einem entsprechenden Willen sehr leicht auch als ein wirres, chaotisches Gebräu gelesen werden kann (kann - nicht muss!), als ein Gebräu aus teils faden und banalen, teils monströs verzerrten Alltagswahrnehmungen, teils Katastrophenbildern, wie sie jedem Albtraum anhaften und je nach Psychologie, Erfahrung und Vorwissen der träumenden Person gefärbt sein können (so dass eine Person, deren Geist und Innenleben intensiv mit Schauungsszenarien wie den unseren befasst ist, womöglich auch eher dazu neigt, Ängste diesbezüglicher Art zu entwickeln oder zumindest in solchen Bildern ihre (Alb-)Träume zu gestalten), dann stellen sich Klein- und Groß-Richard in mir - womöglich zu unrecht!! - gegenseitig ein Bein: der eine erwartet von einer Offenbarung sowieso etwas anderes, eben etwas Klares, Eindeutiges, und der andere will das Ganze zwar nicht gleich über den Jordan kippen, aber aber... der Bedenkenträger meldet sich.
Ich gebe Dir Recht, dass sich in Träumen etwas offenbaren kann, was wir eine Schau nennen. Du hast mit dem "Traumweg", diesem schmalen, sich schlängelnden Pfad entlang der Grenze zwischen dem gewöhnlichen Traum und dem Wachbewusstsein in meinen Augen ein schönes Bild gebracht. So könnte es sein. Und, weil Du zurecht auf Leute wie Irlmaier als Ausnahmeerscheinung verweist, die des Mittels Traum offenbar nicht bedurften: Für viele Menschen - und vielleicht gilt dies für trace und ihren Traum und ganz am Ende vielleicht sogar für mich und meinen oben erwähnten Traum - ist wohl das Träumen der einzige Weg (und zwar das Träumen im Zustand des Schlafs, weil dem Tagträumen nicht ohne Grund ohnehin kein gesellschaftlicher Wert zugemessen wird, es gilt eher als unwert), wie diese Grenze manchmal kurz gebrochen werden und ein Mensch teilzuhaben kann an dem , was jenseits der von uns wahrnehmbaren "Realität" ist. Denn der Schlaf wird zunehmend der einzige Bereich, in dem der moderne Mensch über eine längere, sich wiederholende Zeit nicht mit der (gesellschaftlichen) Außenwelt direkt geistig wie praktisch verbunden ist und quasi nur mehr als Anhängsel dieser funktioniert. Das sog. Wachbewusstsein überzieht sich oder wird nach meinem Eindruck fortschreitend überzogen mit unzähligen Dingen, Themen, Informationen, Ansprachen, Anregungen sowie selbst gestellten wie fremdgesteuerten Anforderungen, so dass der Einzelne zuwenig "bei sich" ist. Die 'wache' Aufmerksamkeit ist durchaus aktiv, aber nacheinander wie nebeneinander immerzu auf den verschiedensten nach außen gewandten Betätigungsebenen bzw. holt sie sich dort ihre Fütterung ab - und wird somit eben auch besetzt von den Inhalten oberflächlicher Vernetzung, in die sie eingebunden ist und sich einbindet, von Aufmerksamkeit erheischenden Inhalten, die in einem flüchtigen und doch permanenten Strom sowohl auf einen einströmen als auch von einem selber ausgehen (auch das Internet und die Verweildauer in diesem lässt hier grüßen!) - so dass der Raum zur Gestaltung der eigenen Person (des eigenen Fühlens, Denkens, Wahrhehmens und Tuns und Nichttuns) aus der eigenen Ruhe und einer inneren Konzentration wie Gelassenheit heraus immer schmäler wird. Der Raum selber wie auch die Vorstellung von der Notwendigkeit und dem Wert eines solchen Raums für den Einzelnen.
Ich denke, dass darüber die Chance abnimmt, "offen" zu sein für Wahrnehmungen außerhalb unserer Raum- und Zeit-Struktur.
Irgendwo bringst Du die Stichworte Trance und Meditation. Sie sind ganz sicher Beispiele, Möglichkeiten für positive Entgegensetzungen zu diesen Zwängen. Beispiele, Möglichkeiten, aus anderen Zeiten oder aus anderen kulturellen Zusammenhängen, es gibt sicher weitere Wege. Der Mensch kann, sollte, wenn er sich auf einen solchen Weg begeben will, den ihm entsprechenden Weg wählen und gehen.
Ich persönlich habe mal kleine Erfahrungen (Du nennst an einer Stelle es bei Dir Experimente) mit Elementen gemacht, die an die von Dir genannten Techniken erinnern. Sehr handwerklich, auf meine, eher intuitive Art. Ich entdeckte, zunächst gar nicht gewollt, dabei tatsächlich sogar, dass ich etwas 'wahrnehmen' konnte (was ich auf einem anderen Weg dann auch als wahr verifizieren konnte), was mir sonst nicht möglich gewesen wäre, und konnte dies bald darauf sogar steuern. Insofern, Gerhard, rennst Du bei mir mit all Deinen vielfältigen Weiterungen ohnehin offene Türen ein - es wären Inhalte für Gespräche am Kamin, neben sich ein Glas Wein, in entspannter Atmosphäre. In einem Forum überschritten sie nicht nur jede thematische Toleranzgrenze, sondern könnten exhibitionistisch rüberkommen.

Also, wie Du siehst, ich habe einige wenige Deiner Spielbälle aufgegriffen, die anderen muss ich leider weiterfliegen lassen, schon aus Zeit- und schreibtechnichen Gründen. Obwohl mich eine Vertiefung reizte! Aber Du siehst, meine Intention, was das Spiel betrifft, geht gar nicht auf das Gewinnen - bzw. Gewinnen sollen wir alle, in einem anderen Sinn.

Als ich mir heute überlegte, wie ich Dir antwortete, fiel mir auch ein, dass es in der deutschsprachigen schönen Literatur einige Autoren gibt, die sich auf die 'andere Welt' und die Darstellung gespenstisch-okkulter Visionen einließen. Mit Genuss las ich vor langer Zeit z.B. den Roman 'Die Andere Seite' von Alfred Kubin, einem Künstler, vor allem Zeichner skuriller, grotesker Blätter, der anfangs auch mit der Gruppe des 'Blauen Reiter' Berührung hatte und der später an einem schönen Ort jenseits der deutsch-österreichischen Grenze in einem zu ihm passenden Haus und Garten arbeitete und lebte, und vor allem Gustav Meyrink.
Aber ich durfte, als ich für einige Jahre im Bayerischen Wald war, auch einen Dichter, Maler und Zeichner persönlich kennenlernen, der seine Kunst als 'magischen Realismus' verstand und der sicherlich aus seinem inneren Erleben und Empfinden, eingebunden in die heimatliche Landschaft des Bayerischen Walds, seine Kunst schuf. In ihr kamen ganz selbstverständlich und auf eine intime, unaufdringliche Weise Grenzerfahrungen verschiedener Art immer wieder zum Ausdruck. Ich war zweimal in seinem direkt am Eingang zum Schloss Fürsteneck gelegenen Haus. Das erste Mal empfing uns seine Frau und erklärte ihn für "unpässlich", wie ich später erfuhr, befürchtete er, ich würde - wie meine Begleiterin, die den Kontakt herstellte - einer christlichen Sekte angehören, und Mitglieder dieser Sekte waren ihm während eines Atelierbesuchs mal ziemlich auf die Nerven gegangen. Am Ende meines ersten Besuchs bot mir seine Frau jedoch an, dass ihr Mann mir einen Kunstband, den ich u.a. erstand, persönlich signieren würde - falls ich bereit wäre, an einem anderen Tag nochmals zu diesem Zweck zu ihnen ins Haus zu kommen, um den bis dahin signierten Band abzuholen. Das war mir natürlich sehr recht - und kam Tage später wieder zu Besuch. Diesmal war auch der Hausherr da und es wurde ein schönes Gespräch. - Es verstrich eine längere Zeit, Monate, Jahre, und es war an einem lauen Sommerabend 1994 und meine Schwiegermutter aus dem Norden bei uns im Bayerischen Wald zu Besuch, als ich auf die Idee kam, eine CD hervorzuholen und vorzuspielen, auf der Josef Fruth (so heißt der Künstler), damals schon hochbetagt, seine eigenen Gedichte vortrug. Es dämmerte, die 'blaue Stunde' war wohl längst vorbei, aber die Nacht war noch nicht tiefschwarz. Und die Stimme von Josef Fruth und seine Gedichte füllten den Raum.
Einige Tage später las ich in der Zeitung, dass Josef Fruth an diesem Tag verstorben war.

Heute entdeckte ich in einem Buch, das ich für Dich durchblätterte, folgendes Gedicht von ihm:


Josef Fruth

Begegnung


Dunkel fallen die Alleen
der gespensterhaften Bäume
in das Dämmern blauer Träume.
Graue Schemen wandern gehn.

Wanderer sind die Gedanken,
voll vom herben Ruch der Heide,
die sich um den Sommer ranken;
Nebel ziehen auf die Weide.

Hinter fliehenden Alleen
ist es ein Gesicht gewesen,
das ich irgendwo schon kannte.
Eine Seele, mir verwandte,
schwindet hinter Ginsterbesen.


Herzliche Grüße
Richard


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