weites Traumland (Schauungen & Prophezeiungen)

Gerhard, Dienstag, 06.04.2010, 09:24 (vor 5883 Tagen) @ RichardS (3811 Aufrufe)

Lieber Klein-Richard, lieber großer Richard, Euch beiden ganzen herzlichen Dank, für die sehr persönliche Antwort, die Ihr mir gegeben habt, und die mich natürlich ziemlich bewegt hat. Und ganz nebenbei habe ich jetzt auch eine Idee bekommen, was das "S" hinter dem "Richard" bedeuten könnte: vielleicht ist es ja ein Plural-S> ;-)

Also, lieber Richard, ich bewundere Dich sehr für Deinen Mut, mit dem Du so offen und unbefangen über Ostern und den Dreieinigen schreiben kannst. Du sprichst mir aus dem Herzen, doch mein eigenes Herz ist halt ein schüchternes und befangenes, und so verstecke ich meine Haltung meist in Andeutungen und kryptischen Nebensätzen. Nun hast Du mir aber den Weg frei gemacht, und dankbar ergreife ich deshalb diese Gelegenheit, das Thema Traum noch ein wenig auszubauen (auch auf Taurecs Großzügigkeit trauend), wobei ich anknüpfe an Deine Gegenüberstellung unseres Taglebens und unseres Nachtlebens.

Tatsächlich ist es so, dass wir quasi in zwei Welten leben. Durch unsere Erziehung und durch die Forderungen unserer Mitmenschen wird die Tagwelt aber so dominant gemacht, dass die Nachtwelt zum Anhängsel degeneriert, zu einem notwendigen Übel, damit man halt für den Tag "fit" wird. Was uns Nachts bewegt, wird zu einem phantastischer Traum, zu einem Alpdrücken oder zum verrückten Spiel des "unteren" Bewußtseins herabqualifiziert, zu den Restfunktionen des Betriebssystems einer Maschine im Stand-by.

Wenn man so denkt, tötet man eigentlich den Menschen bzw. seine Seele. Denn seine Vollkommenheit kann der Mensch nur mit der Nacht, vielleicht sogar nur von der Nacht her entfalten. Nur dort, an den Übergängen zwischen dem Schlafen und dem Wachen sowie an den Übergängen zwischen den verschiedenen Tiefen des Schlafes, lässt sich unser Bewußtsein so entwickeln, dass wir in der Lage sind, die Tagwelt überhaupt erst richtig zu begreifen, wirklich zu meistern und am Ende zu überschreiten. Denn der stets unruhige, hungrige, schwere, feste und langsame Körper unserer Tagwelt wird eines Tages vergehen. Was wir aber im Ring unseres Bewußtseins gereinigt festhalten können, und käme es auch vom Tag her, das bleibt unvergänglich.

Vom Traum ausgehend eine "Zukunftsschau" zu haben - unser eigentliches Thema hier - ist deshalb die allergeringste jener Fülle von Fähigkeiten und Möglichkeiten, die wir "im Traum" entfalten könnten. Die "Schau" der Zukunft, der Vergangenheit oder der Wahrheit, ist nur die am häufigsten benutze Nebentür der vielen anderen Tore, zu so vielen anderen unentdeckten Räumen, die unsere Träume uns eröffen können. Dabei gibt es eine einfache Regel: je tiefer die Entspannung, also das Loslassen der Tagwelt, und je klarer und konzentrierter unser Bewußtsein ist, in desto höhere Regionen und
Sphären können wir aufsteigen.

Ich darf, lieber Richard, um dies zu illustrieren, Deine schönen Verse von Josef Fruth mit ein paar Zitaten entgegnen, die Du ganz sicher kennst, aber die es Wert sind, immer wieder neu erinnert zu werden, denn sie machen uns Mut, den Weg der Nacht und des Traumes zu beschreiten.

Nicht nur der Buddha nämlich wird schlafend dargestellt, auch vom Propheten Mohammed steht in Sure 17

"Erhaben ist Gott, der Seinen Diener nachts von der Heiligen Moschee in Mekka zur al-Aqsa-Moschee in Jerusalem führte, um ihm einige seiner Zeichen zu zeigen".

Die mündliche Überlieferung glaubt es noch genauer zu wissen, wer damals, im Jahr 621, den Mohammed zu einer Reise der besonderen Art mitgenommen hat:

"Inmitten einer feierlichen, ruhigen Nacht,
als sogar die Nachtvögel und die umherstreifenden Tiere still waren,
als die Flüsse aufgehört hatten zu murmeln
und kein Windhauch mehr spielte,
wurde Muhammad von einer Stimme geweckt,
die rief: "Schläfer, wach auf!"
Und vor ihm stand der Engel Gabriel
mit strahlender Stirn,
mit einem Gesicht so weiß wie Schnee"

Und 2000 Jahre vor Mohammed hat ein anderer, nicht weit entfernt, ein ähnliches Erlebnis gehabt. Er war mit seiner Familie auf der Flucht.

"In derselben Nacht stand er auf, nahm seine beiden Frauen,
seine beiden Mägde sowie seine elf Söhne und durchschritt die Furt des Jabbok.
Er nahm sie alle und ließ sie den Fluss überqueren.
Sodann schaffte er alles hinüber, was ihm sonst noch gehörte.

Als nur noch er allein zurückgeblieben war,
rang mit ihm ein Mann, bis die Morgenröte aufstieg.

Als der Mann sah, dass er ihm nicht beikommen konnte, schlug er ihn aufs Hüftgelenk.
Der Mann sagte: Lass mich los; denn die Morgenröte ist aufgestiegen.
Er aber entgegnete: Ich lasse dich nicht los, es sei denn Du gibst mir von Deiner Kraft.
Jener fragte: Wie heißt du?
Jakob, antwortete er.
Da sprach der Andere: Nicht mehr Jakob wird man dich nennen,
sondern Israel: der mit Gott gestritten hat.
Nun fragte Jakob: Nenne mir doch auch deinen Namen!
Aber jener entgegnete: Was fragst du mich nach MEINEM Namen!
Und gab ihm von seiner Kraft.

Jakob aber nannte den Ort Penuël, das heißt Gottesgesicht, denn er sagte sich:
Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen,
und bin doch mit dem Leben davongekommen.
Die Sonne schien bereits auf ihn, als er von Penuël weiterzog.
Und er hinkte an seiner Hüfte."

Ganz gewiss war Jakob schon zu Anfang dieser Nacht fix und fertig, er war erschöpft, verzweifelt und in großer Angst. Aus diesen Emotionen heraus hatte sich während jener Nacht seine Seele dann geöffnet. Es gibt von ihm ja eine andere berühmte Geschichte, die sich noch klarer auf sein Träumen bezieht:

"Er kam an einen bestimmten Ort, wo er übernachtete, denn die Sonne war untergegangen.
Da nahm er einen von den Steinen dieses Ortes, legte ihn unter seinen Kopf und schlief dort ein.
Und er hatte er einen Traum:
Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte.
Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder.
Und siehe, der Herr stand oben und sprach:
Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks.
Jakob erwachte aus seinem Schlaf und sagte:
Wirklich, der Herr ist an diesem Ort und ich wusste es nicht.
Und Furcht überkam ihn.
Früh am Morgen stand Jakob auf,
nahm den Stein, den er unter seinen Kopf gelegt hatte,
stellte ihn als Steinmal auf und goss Öl darauf.
Dann gab er dem Ort den Namen Bet-El, das heißt Gotteshaus."

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4a/Michael_Lukas_Leopold_Willmann_001.jpg

Mit Absicht habe ich die Beispiele aus der bekannten Literatur der Religionen anderer Völker gewählt. Ich möchte aber zum Schluß anfügen, dass auch unsere eigenen Vorfahren, hier in diesem Land, die gleichen Erfahrungen gemacht haben, denn diese Erfahrungen sind Allgemeingut der Menschheit uns stehen jedem offen. Unsere eigenen Vorfahren haben allerdings, weil sie einerseits älter und andererseits jünger waren, nichts aufgeschrieben. Vielleicht auch mit Bedacht. Doch auch sie haben hier Steine aufgerichtet und Furten hinterlassen. Wir müssen sie nur suchen.

Und bereit sein zu träumen.

Mit herzlichen Grüssen und - auch allen Mitlesern - eine schöne Frühlingswoche wünschend!

Gerhard


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