Zwei-Klassen-Gesellschaft (Schauungen & Prophezeiungen)

Gerhard, Montag, 12.04.2010, 21:13 (vor 5877 Tagen) @ detlef (3687 Aufrufe)

Lieber Detlef,

nun bin ich aber außerordentlich froh, dass wenigstens ich Dich richtig verstanden habe. Denn ich habe Deine "Schauungen" von Anfang einem Wachbewußtsein zugeordnet. Ein Kennzeichen Deiner Schauungen ist, dass Du offenbar von einem längeren Geschehenszusammenhang nacheinander verschiedene Teilausschnitte wahrnimmst. Diesen Geschehenszusammenhang (er ist vereinfacht ausgedrückt die Geschichte einer Seefahrt) kannst Du aber selbst nicht kontrollieren. Offenbar liegt der Geschehenszusammenhang unabhängig von Dir vor, Du siehst ihn nur bzw. wird er, nach Deiner Auffassung, Dir "gezeigt".

Solche außerordentlichen Schauungssequenzen können in Träumen nach meiner Kenntnis nicht vorkommen. Der bekannte Psychologe C.G. Jung soll von sich behauptet haben, dass er den Traum der einen Nacht in der darauffolgenden Nacht fortsetzen könne. Aber dann ist er selbst aktiv, wohl ähnlich den modernen Klarträumern. Du dagegen wirst in Deinen Schauungen durch das Geschehen von einem "Sender" sehend hindurchgeführt (wir lassen mal den bedenkenswerten Sachverhalt beiseite, dass Du das Ganze später dann noch einmal aktiv und real erhandeln und erfahren magst).

Aufgrund der damit beschriebenen Charakteristik bin ich von Anfang an davon ausgegangen, dass Du Deine Schauungen wohl während des Wachens hattest. Egal ob Du sie nun, um anderen entgegenzukommen (tatsächlich stiftest Du aber große Verwirrung!), als "Träume" bezeichnest.

Was mich nun allerdings wirklich sehr befremdet und erstaunt, ist Dein offensichtliches Bestreben, nur Gesichte von der Art, wie Du sie hast, als echte Schauungen gelten zu lassen. Ich bekomme nun den Eindruck, es gäbe eine Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Da sind auf der einen Seite die "reinen Seher", die im Tagesbewußtsein ihre "Schauungen" haben, und die die Realität so sehen, wie sie auch kommt. Dokumentarisch lupenrein. Eintreffen 100% garantiert. Diese Seher leiden zwar unter der Last ihrer Gabe, aber sie sind die einsame Elite, an die niemand heranreicht. Sie können damit einen Absolutheitsanspruch vertreten. Wie der Papst.

Und dann gibt es auf der anderen Seite noch das zahlreiche und arme Volk der Nachtträumer, die alles durcheinanderbringen, lediglich verschwommen sehen, nur "Informationsfetzen" abgreifen und außerdem so manches in ihre wirren Träume hineinmischen: Symbole, geheime Verdrängungen, magische Beschwörungen, triebige Phantasien, klamme Ängste und Alpe, Erinnerungen an Fernsehfilme, religiöse Schwärmereien etc. etc. etc.

Ich übertreibe etwas, damit vielleicht klar wird, dass es so nicht geht. Wenn ich zum Beispiel den Link zu den vielen Flutschauungen öffne, die Taurec seinerzeit freundlicherweise zusammengestellt hat, denn geht es gleich am Anfang so los (Fettmarkierung von mir):

„Ich stand auf dem Dachboden am Fenster und schaute in nordöstliche Richtung (Köln). Unter mir war eine riesige Wasserfläche, das gesamte Land, soweit sichtbar, war bedeckt, von meinem Standort aus gesehen schätzungsweise zwischen 0,5 und 1 Meter hoch. Aus Richtung Norden hörte ich ein gewaltiges Rauschen und Brausen der Wogen. Ich hatte sehr große Angst und zitterte am ganzen Körper, davon erwachte ich."

https://schauungen.de/forum/index.php?id=4625

Diese Frau aus Vettel hilft dem Intepreten sehr, wenn sie sagt, wie sie ihre "Schau" bekommen hat. Ganz offensichtlich im Schlaf. Kurz vor dem Aufwachen. So wie bei Trace.

Bei anderen Flutschauungen in der Textsammlung wird der Interpret dagegen ziemlich "alleine" gelassen. Da geht es direkt los: ich stehe da und da, und das Wasser kommt auf mich zu, ich denke "schöne Welle", und dann bin ich weg. Von Herrn Bommel, auf den ich hier anspiele, oder auch von Wizard, nehme ich an, dass sie wie Du Tagbewußtseins-Seher sind. Aber ich weiß es letztlich nicht, wodurch die endgültige Bewertung schwer fällt. Ich darf hier aber bekennen, dass ich beide "Schauungsquellen", den Traum und das Tagesbewußtsein, als potentiell gleichwertig ansehe, und für beide sehr dankbar bin.

Ein Grundthema des Forum ist die PRÄKOGNITION, also das "Vorherwissen" bzw. "Vorher-Erkennen". Ich denke, dass es Stand der (para)psychologischen Forschung wie auch der diesbezüglich gebildeten "öffentlichen Meinung" ist, dass Präkognition sowohl im Traum und Schlaf als auch im Wachbewußtsein erlangt oder eingegeben werden kann. Elfe hat hier (und auch in Deinem eigenen Forum) wichtige Links dazu eingestellt. Und auch von meiner Seite muss ich diesen Sachverhalt mit Nachdruck betonen, weil sonst einer präkognitiven Erfassung der "Weltenwende" in möglicherweise größerem Umfang der Boden entzogen würde. Wieviel Material letztendlich dem "Tag" oder der "Nacht" entstammt, mag am besten Taurec beurteilen, wenn er darüber einmal eine Statistik machen wollte. Taurec könnte sich aber durchaus auch auf den Standpunkt stellen, für die Präkognition der Weltenwende nur Material zuzulassen, das Deinen Kriterien entspricht. Dann muss er das einfach sagen.

Tatsächlich kommt die Präkognition weder "im" Traum noch "im" Wachen vor, sondern sie ist - wie Elfe hier ruhig, bescheiden und sachlich festgestellt hat - , an einen besonderen "Bewusstseinszustand" gebunden, der "bei solchen aussergewöhnlichen Erlebnissen vorherrscht". Der modernen Hirnphysiologie ist es gelungen, diesen Bewußtseinszustand (von außen betrachtet) genauer zu beschreiben, egal ob er im Wachen oder Schlafen stattfindet (denn beides Mal kann man z.B. ein EEG mitlaufen lassen). Ich verweise beispielsweise auf die Arbeiten von Wolf Singer mit den Mönchen des Dalai Lama. Aber das ist dann nur die "Außenansicht" von Wissenschaftlern. Der Seher oder Träumer empfindet alles auf seine eigene Weise.

Sowohl bei der Präkognition im Wachen als auch bei der Präkognition im Träumen, gibt es spezifische Probleme. Viele Menschen haben tagsüber "Gesichte" (Halluzinationen) oder sie Hören ganz real "Stimmen", was sich bei genauer Untersuchung dann als Symptom einer seelischen Krankheit herausstellen kann (nicht muss!). Und vollends im Sumpf kann man landen (muss man aber nicht!), wenn man eine Präkognition in einem Traumbericht erkennen möchte.

Du unterstellst mir eine Agenda. Die habe ich nicht. Aber ich habe durchaus ein Interesse: ich suche nach Klarheit. Und ich würde mir deshalb wünschen, dass bei allen Texten, die hier vorgelegt und diskutiert werden (im Hinblick auf eine Präkognition, die in ihnen enthalten sein soll), zuerst einmal gesagt wird, ob sie aus einem Traum oder einer Tagschauung stammen (soweit man das weiß oder noch feststellen kann). Wenn wenigstens das einmal bekannt ist, dann weiß man, wie man an den Text herangehen muss und welche Fallstricke sich auftun können.

Prinzipiell würde ich Dir zustimmen, dass Tagschauungen wertvoller sind, denn der "besondere Bewußtseinszustand" für die Präkognition passt sich dann resonanzartig der Sichtweise und Struktur des Wachbewußtseins an - und die ist halt "realistisch" eingestellt. Eine Schau im Traum dagegen ist immer gefährdet durch die anderen unendlichen Möglichkeiten, die unseren Träumereien offenstehen (und die ebenfalls in diesem Thread zu Sprache gekommen sind). Unter günstigen Bedingungen kann aber ein präkognitiver Traum genauso gut oder sogar noch hochwertiger sein als eine "Schau" gemäß Deiner Auffassung.

Wie Du mit Blick auf Taurec kritisierst, habe ich ebenfalls bemerkt, dass hier im Forum keine begriffliche Klarheit herrscht. Weder im Umgang mit den Schauungen noch bei den daraus gezogenen Interpretationen und Schlüssen (vgl. hierzu etwa meine Beiträge gestern zu Polen, Irlmaier, Russenüberfall und Vorzeichen). Deshalb wollte ich den Traum von Trace als Beispiel heranziehen, um darin "Realitäten" zu entdecken - eine womöglich identifizierbare Stadt in Deutschland -, um dann in einer zweiten Stufe eventuell sagen zu können: jetzt haben wir die Stadt realiter, und deshalb dürfen wir annehmen, dass auch der im Traum beschriebene Brandbomben-Angriff einmal stattfinden mag, mithin der Traum ein präkognitiver Traum sein könnte. Letztendlich hat man, bis der Brandbomben-Angriff tatsächlich einmal stattgefunden hat, keinerlei objektive Gewissheit.

Richard hat sehr schnell eingeworfen, dass der Traum von Trace halt doch nur ein gewöhnlicher Traum sein könnte - ein sehr realistischer eben. Richard hat allerdings, wenn ich ihn richtig verstanden habe, offengelassen, ob nicht auch bei einer fiktiven Realität des Traumes dennoch etwas "Wahres" über unsere Gegenwart in diesem Traum enthalten sein könnte. Leider (!!) hat Richard das nicht mehr genauer spezifiziert. Wir sind dann im Gang der Diskussion vielleicht auf Abwege geraten, aber gerade wegen dieser Abwege und Dank Deiner bohrenden Einwürfe, habe ich nun dennoch die Gelegenheit erhalten, auf direktem Wege zu sagen, was meine "Agenda" (Deine Terminologie!) ist: ein methodisch sauberer und begrifflich klarer Umgang mit eventuell präkognitiven Quellen.

Die Sache, um die es hier im Forum geht, ist eigentlich sehr ernst. Das sollte Rückwirkung auf die Qualität der Arbeit haben. Möglicherweise sind wir uns darin einig.

Mit freundlichem Gruß!

Gerhard


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