Lieber Detlef,
nochmal moin,
Das schließt aber nicht aus, dass es einzelne herausragende Künstler gibt, an die man sich auch in Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten zu Recht erinnern wird.
klar, da hast du recht. die frage ist wird man sie wegen ihrer individuellen leistung, oder wegen ihrer "das zeitgefuehl tragenden" leistung erinnern?
Das ist eine gute Frage.
Ich denke, da muss man abwarten. Wenn letzteres der Fall ist, wird es irgendwann nur noch Historiker interessieren. Im ersteren Fall aber darüber hinaus auch die Gemeinschaft der Kulturschaffenden, Künstler und auch das Publikum. Mit der Zeit wird sich die Spreu vom Weizen trennen.
Und diese Musik war eine reine Elitenangelegenheit. Wieviele Zeitgenossen Mozarts sind jemals in den Genuss gekommen, seine unsterbliche Musik zu hören? Nur eine kleine Handvoll Adliger und Vertreter des reichen Bürgertums. Wieviel Prozent der Bevölkerung hatten überhaupt Anteil an dieser ernsten Musik? 5%? 10%?
Davon zu sprechen, diese Musik sei unter diesen Umständen ein Ausdruck der "Volksseele" ist schon reichlich absurd: Wenn überhaupt ist es der Ausdruck des Seelenzustandes einer kleinen Elite.
ja. aber glaubst du wirklich, dass kultur jemals ein die ganze bevoelkerung gleichmaessig durchdringendes phaenomen war?
kultur war immer und ueberall elitaer. elitaer auf dem ruecken der felachischen (spenglers bezeichnung benutzend) bevoelkerung. welche dann nach untergang einer kultur mehr oder weniger unberuehrt uebrig blieb.
kultur braucht muße. muße setzt voraus, von anderen ernaehrt zu werden, zu schmarotzen.
Trifft denn diese Beschreibung auf irgendjemand besser zu als auf die Popstars- und Sternchen der Zivilisation? Man denke nur an Michael Jackson, der sich einen Irrsinn an Reichtum eingefahren hatte, bevor er sich mit diversen Klagen verzettelt hatte.
Nun ist Reichtum bzw. Schmarotzertum keinesfalls gleichbedeutend mit künstlerischer Leistung. Aber ich denke, auch heute noch finanzieren sich wahre Künstler oft auf Kosten der vielen "dummen" Konsumenten, die oft die wirkliche Leistung nicht zu schätzen wissen (und dabei will ich mich selbst keinesfalls ausnehmen).
Der Rest, der damals an Musik produziert wurde -- in Ermangelung von Massenmedien wie Radio, Schallplatten und dergleichen -- ist heute weitgehend vergessen: Simple Volkslieder, Tanzmusik von fahrenden Musikern, vulgäre Musik, die in ihrer Qualität und ihrem künstlerischen Anspruch nicht einen Deut über heutige Popmusik-Massenware hinausgeht. Bestenfalls simple Kirchenlieder werden heute noch gesungen bzw. gespielt.
Wenn Du also Bach, Mozart, Beethoven, Wagner et al mit heutiger Popmusik vergleichen willst, dann ist das ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen: Eher schon taugt der Vergleich von vulgärer Tanzmusik und Volksliedern des 18. und 19. Jahrhunderts mit der modernen Popmusik -- der Massengeschmack war schon immer stumpf und anspruchslos.
nu ja, ich weiss nicht. wenn ich jetzt hier einen vergleich von aelteren volksliedern mit schlagern anstellen wuerde, wuerden die schlager wohl nicht gewinnen koennen.
(hier kannst du dann wieder mit weltanschauung einhaken. schliesslich wurde auch zu volksliedern marschiert)
Das ist vielleicht auch Geschmackssache. Die Musiker, mit denen ich gesprochen habe, machen für gewöhnlich keinen großen Unterschied zwischen beidem, da beides musikalisch ähnlich anspruchslos (will heißen: "einfach zu reproduzieren") ist. Persönlich mag ich weder alte Volkslieder noch Schlager besonders.
Auf der anderen Seite bin ich sicher, dass es auch im Bereich des Jazz, der Rock- und Popmusik eine Handvoll wirklich bedeutender, talentierter und wegweisend kreativer Künstler im 20. Jahrhundert gab, die nicht in Vergessenheit geraten werden. Wer dies im einzelnen ist und sein wird, können wir heute vielleicht noch nicht ermessen.
Dann horch dir mal "Vince" Weber an. der hat klasse. (auch wenns nicht unsere kultur ist)
Vince Weber kenne ich nur oberflächlich. Hatte er nicht mit Otto Waalkes zu tun?
Unabhängig von ihm finde ich aber grundsätzlich, dass ein Künstler nicht deswegen als "kulturfremd" angesehen werden muss, nur weil er fremde Kultureinflüsse in seine Kunst mit aufnimmt. Wenn er einen deutschen Pass hatte und Deutsch gesprochen hat, dann war er Deutscher, Punkt.
Dabei war schon immer nicht alles Gold, was glänzt (auch Mozart und Beethoven haben beispielsweise Musik für ihre adligen Auftraggeber komponiert, die als Hintergrundmusik zum Kartenspiel konzipiert war und doch sehr fatal an "Fahrstuhl-" oder "Kaufhausmusik" erinnert).
ja, soifz... - ich hab zwei toechter, die bis zum klavierlehrerdiplom fuer klassik geuebt haben. klassik kann auch auf den geist gehen.
Das kann sie! ;)
Auch was die Qualität der künstlerischen Leistung angeht, so denke ich z.B. nicht, dass so enorm talentierte Künstler des Jazz, wie z.B. Duke Ellington oder Miles Davis, sich hinter Größen vergangener Zeiten verstecken müssen. Natürlich kann man sie nicht direkt mit Komponisten vergleichen, da der Jazz keine notierte Musik ist, aber ihr technisches Können und ihre Schöpferkraft bei der Improvisation sind über jeden Zweifel erhaben.
ich geh voll mit dieser aussage konform. trotzdem ist das nichts, was als kulturelle leisung fuer europaeer anerkannt werden kann.
Siehe oben: Sie waren sicher keine Europäer, aber doch als Amerikaner Teil der westlichen Welt und ihrer Kultur. Ohne afrikanische Einflüsse hätte es sie nicht gegeben, aber ebensowenig ohne die Einflüsse der europäischen Klassik.
Ohne die europäischen Grundlagen hätte es keinen Jazz gegeben.
Und was Deine polemische Auswahl bei den Bildern oben betrifft: ...
apropos bilder - der impressionismus war wohl so ziemlich der letzte stil, den ich als kultur bezeichnen wuerde. da gab es noch dies gemeinschaftlich draengen und sehnen vieler kuenstler in die selbe richtung.
waehrend all die abstrakten und halbabstrackten danach "nur" kuenstlerische individuen waren.
Die Frage nach dem Individualismus ist sicher ein Knackpunkt. Das kann ich nicht leugnen. Ganz persönlich neige ich der Meinung zu, dass ein gesundes Mittelmaß der goldene Weg ist: Ganz kann man die Uhr nicht zurückdrehen, sollte es auch nicht veruschen, da das nur schlimme Nebenwirkungen hätte. Aber doch finde ich ausufernden Individualismus sehr schädlich.
In Bezug auf die Kultur sehe ich das ähnlich: Wenn die Gesellschaft nicht im Gleichschritt marschiert, wird es auch die Kultur nicht tun. Das hat Nachteile, aber auch Vorteile. Persönlich bin ich für recht freie Entfaltung des Individuums, solange ein lockeres gemeinsames Band noch existiert.
Auch die fetten Walküren und andere traditionelle Elemente der Inszenierung Wagner-Opern sind wohl enorm groteskt, und Kulturpessimisten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben diese Erscheinungen ähnlich abstoßend und befremdlich empfunden, wie Du diese Erscheinungen moderner Musik.
zu recht, meiner meinung nach. denn wagner hat zwar ein grosses werk vollbracht, aber keines, was ausdruck des empfindens vieler war.
ich persoenlich wuerde ihn, genau so, wie z.b. den Walzer, eher schon der zivilisation, als noch der kultur zurechnen.
Unabhängig von Spengler habe ich das Zitat von Baha'u'llah, dem Begründer der Bahai-Religion im Ohr: Dass nämlich Zivilisation, ins Übermaß gesteigert, Unheil bringt (Kitab-i-Aqdas). Nun ist die Frage, was "Übermaß" ausmacht. Wie so oft denke ich hier, "ein bisschen kann nicht schaden".
Solange Wagner also nicht tausende von minderjährigen Groupie-Mädchen zu Ohnmachtsanfällen bei Freiluftkonzerten verführt, denke ich, ist es noch "im grünen Bereich". ;)
gruss,detlef
Liebe Grüße,
Bernhard