wirklich ein "Geheimnis"? (Schauungen & Prophezeiungen)

Gerhard, Sonntag, 03.10.2010, 15:26 (vor 5703 Tagen) @ trace (3689 Aufrufe)

Hallo, liebe Trace!

In Deinen Diskussionbeitrag, für den ich danke, hast Du sieben Fragen reingepackt, hinter sieben steilen und abschüssigen Bergen. Und diese Fragen soll ich nun alle beantworten? Weder bin ich Reinhold Messner noch ein Königssohn, allenfalls ein kleiner Erdenzwerg, der im dunklen Gestein nach geistigen Erkenntnissen hämmert …

»"Obwohl die Kirche die Erscheinungen von Fatima anerkennt, so wünscht sie doch nicht die Verantwortung zu übernehmen und die Wahrhaftigkeit »der Worte zu verbürgen, von denen die drei Hirtenkinder behauptet haben, dass die Jungfrau sie an sie gerichtet hat."
[quote]
Man beachte die Schizophrenie, die in diesem Satz steckt (und die
Beleidigung der Hirtenkinder!): wir anerkennen einerseits die Wahrheit der
Erscheinung, aber wir wollen für diese Wahrheit nicht bürgen."

Welche Schizophrenie bitte? Und wieso "Beleidigung der Hirtenkinder"?[/quote]

Gewiss ist die Katholische Kirche doch schizophren. Ist das nicht allgemein bekannt? Da ließen sich doch tausend Beispiele anführen. In unserem Fall werden drei Hirtenkinder durch Seligsprechungen und durch mehrfache und höchstpersönliche Besuche des Papstes am Ort des wunderbaren Geschehens sowie durch andere Handlungen besonders positiv gewürdigt und anerkannt - aber die unschuldige Bitte dieser drei Kinder (die konnten ja nichts dafür, dass die "Liebe Frau" gerade zu ihnen kam!) um die vollständige und weltweite Bekanntgabe dessen, was die "Liebe Frau" ihnen gesagt hatte, die wird Ihnen ausgeschlagen. Das ist etwa so, wie wenn Du zu mir sagen würdest: was Du schreibst, ist ja nett und schön, aber völlig inhaltsleer. Da könnte man schon beleidigt sein …

Wie und warum soll die Kirche dafür auch noch bürgen können und womit? Etwa mit einem weiteren Glaubensdogma?

Das müsstest Du eigentlich die Katholische Kirche fragen! Oder denjenigen, der die obige Formulierung geprägt hat. Sie stammt ja nicht von mir, ich habe nur zitiert. Fatima ist eine Privatoffenbarung. Die Katholische Kirche spricht in Fällen von Privatoffenbarung gelegentlich eine Anerkennung dann aus, wenn der Inhalt der Privatoffenbarung nicht dem widerspricht, was die Bibel und die Tradition sagen. Aber auch in so einem Fall bleibt es immer dem Einzelnen überlassen, ob er der Privatoffenbarung tatsächlich Glauben schenken will. Es ist mir nicht bekannt, dass die Kirche jemals eine Privatoffenbarung regelrecht „sanktioniert“ oder direkt zum Glauben an eine solche aufgefordert hätte. Auch scheint es mir unvorstellbar, dass eine Privatoffenbarung in irgendein Dogma aufgenommen werden könnte.

Nach meinem Kenntnisstand hat andererseits die Katholische Kirche keiner Privatoffenbarung mehr Aufmerksamkeit geschenkt als Fatima. Allein das könnte schon als Verbürgung aufgefasst werden, wenn nicht gleichzeitig eine Art Schleier über den Inhalt von Fatima gezogen würde. Wenn ich es recht sehe, liegt die Ursache für diese Verschleierung teils in einem Auftrag der „Lieben Frau“ (die offenbar wollte, dass bestimmte Dinge erst zu bestimmten Zeiten gesagt werden sollten), teils im Verhalten der Hirtenkinder (die anfangs über die ganz Angelegenheit sehr verunsichert waren und zu ihrem eigenen Schutz nicht alles sagen wollten), teils in der Betroffenheit jener, die den vollen Inhalt der Mitteilungen Marias kannten (offenbar löste die Botschaft bei ihnen eine Art Schock aus). Die korrekte Lösung des ganzen Falles hätte m.E. darin bestehen müssen, dass man Lucia Gelegenheit und eine angemessene Plattform hätte geben sollen, ihr "Geheimnis" selbst zu veröffentlichen.

Wer bestimmt, dass visionär gesehene "weiße Damen" automatisch die Jungfrau Maria sind?

Das bestimmt niemand. In der von Dir angegebenen Quelle kannst Du nachlesen, dass die Erscheinung sich selbst folgendermaßen so vorstellt: „Ich bin unsere Liebe Frau vom Rosenkranz.“ (Seite 186; übrigens aus m.E. notwendigen inneren und plausiblen Gründen erst in der letzten Vision!). In dem katholischen Milieu, in dem die Kinder aufgewachsen sind und von dem sie nach den Visionen befragt und geführt wurden, wäre das dann (für die Kinder selbst wie für die Umstehenden) gleichzusetzen mit der „Jungfrau Maria“. Auch alle Aussagen und Forderungen der "Lieben Frau" legen das ja nahe.

Wie man schon hier im WW deutlich sieht, haben (hatten) wohl eine ganze
Reihe von Menschen Visionen über katastrophale Ereignisse, die zukünftig
eintreten können. Leider scheinen sie für die Allgemeinheit weniger
glaubwürdig zu sein, weil sie keine "himmlische" und vor allem
konfessionell identifizierbare Erscheinung mitliefern, auf die sie sich
berufen können. Ist ein "Detlef" - nur mal so als Beispiel :ok: -
deswegen ein armer Spinner?

Das ist für mich die schlüpfrigste aller Deiner Fragen. Wenn ich sie mir genau überlege, und wenn ich alle logischen Ambivalenzen und Implikationen, die in ihr stecken, zu Deinen und zu Detlefs Gunsten auslege, so könnte ich darauf kommen, dass Du mit ihr Detlef ein Kompliment machen möchtest. Dem könnte ich mich ggfs. anschließen.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Visionen eines Teils der hier im WW
schreibenden Seher - auch nach inquisitorischster Befragung - mindestens
ebenso glaubhaft und überzeugend sind, ohne dass diese sich aufgrund
fehlender Anerkennung durch die Kirche beleidigt fühlen. Oder?

Das müsstest Du wiederum die hier schreibenden Seher fragen. Wenn Du Dir’s vorstellen könntest, könnt´ ich’s mir auch vorstellen. Meiner Auffassung nach ist die Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft von Fatima aber nicht der entscheidende Punkt. Fatima ist nur indirekt eine Vision/Voraussage/Prophezeiung/Schauung. Ich darf das abschließend noch einmal aus meiner Sicht wie folgt darstellen.

Ich interpretiere das „Geheimnis von Fatima“ nicht als Vision von einer künftigen Katastrophe sondern als eine visionäre Aufforderung zu gläubigem Handeln. Der Schwerpunkt des Auftrages, den Lucia erhielt, liegt nicht in der detaillierten Beschreibung eines kommenden Weltunterganges. Also braucht an das „Geheimnis“ (sofern es eine Zukunftsschau beinhalten sollte) nicht unbedingt das Kriterium der Glaubwürdigkeit angelegt werden. Vielmehr geht es bei Fatima darum, dass katholische Christen aufgefordert werden, bestimmte Dinge zu tun. Erst wenn sie dem nicht nachkommen, würde ein großes Unglück geschehen. Das Ganze scheint mir damit eine rein „innerkatholische Angelegenheit“ zu sein. Erst sekundär könnte man (aus der Perspektive der Arbeitsziele des Weltenwendeforums), gewisse Aussagen des „Geheimnisses“ aus ihrem Kontext isolieren und (zweckentfremdet) als Aussagen über zukünftiges Geschehen interpretieren (ausschlachten) und sodann anderen, gleichartigen Aussagen an die Seite stellen. Dabei wären vor allem die „kontinentalen Überflutungen“ interessant, aber auch der Fingerzeig auf Russland sowie auf eine Gefährdung des Papsttums. Von außerhalb der katholischen Kirche betrachtet haben diese Aussagen Plausibilität dadurch erhalten, dass die „Voraussagen“ Lucias zum Zweiten Weltkrieg tatsächlich eingetroffen sind. Glaubwürdigkeit könnte sich für Außenstehende also nicht dadurch ergeben, dass „die Liebe Frau vom Rosenkranz“ das gesagt hat, noch die kirchliche Hierarchie die Aussagen verbürgen würde (was sie aber nicht tut!), sondern die Glaubwürdigkeit ergäbe sich in einem gewissem Ausmaß dadurch, dass ein Teil der Voraussagen von Fatima sich realiter schon ereignet hat.

"... Von 1917 an waren jedoch ihre Kusine Jacinta und ihr Vetter Francisco
Marto ihre ausschließlichen Begleiter. Es ist das Jahr, in dem die
Gottesmutter erschienen ist. Dabei nahm Lucia eine besondere Stellung ein,
da die Erscheinung allein mit ihr sprach. Sie war es, die von ihr eine
Botschaft erhielt, welche erst später weitergeleitet werden sollte ..."

Da hat ein erzkatholisches Hirtenmädchen in einem erzkatholischen Land
Visionen mit einer "weißen Dame", die dann als Marien-Erscheinungen
interpretiert werden. Angebliche "Zeugen" sind eine jüngere, verhuschte
Cousine und ein Cousin, die aber weder die "Dame" sehen noch hören können.
Sie sind auf die Erklärungen Lucias angewiesen und bestenfalls Zeugen ihres
Verhaltens.

Wiederum ergibt sich bei genauer Lektüre allein der von Dir angegebenen Quelle, dass nur Lucia die „Dame“ sowohl gesehen, als auch gehört, als auch gesprochen hat. Die Cousine Jacinta hat zwar alles gesehen und mitgehört, aber während der Haupterscheinungen konnte sie nicht mit Maria sprechen (sie hatte offenbar später, kurz vor ihrem Tod, aber eine eigene Vision von Maria). Der Cousin Francisco hat immer alles mitgesehen, aber nur in Bruchteilen mitgehört.
Jacinta und Francisco mögen Dir so „verhuscht“ erscheinen, weil sie bald nach den Erscheinungen gestorben sind und damit keinen weiteren Eindruck in der hiesigen Welt hinterlassen haben. Die ganze Geschichte der Erlebnisse der drei Hirtenkinder empfinde ich persönlich als eindrucksvoll, und man kann aus den Berichten sehr, sehr viel über die „Seherei“ sowie über ihr Verhältnis zur alltäglichen Realität lernen. Die geringe Sympathie, die man den dreien hier im Weltenwendeforum entgegenbringt, macht mich schon etwas betroffen. Immerhin mußten diese drei Kinder wegen Festhalten an ihren Visionen durchs Gefängnis gehen. Wie „einfach“ ist’s da heutzutage doch mit der „Seherei“!

Gerhard hofft, damit alle Deine Fragen anständig beantwortet zu haben. Bei der Gelegenheit und nichts für ungut: was ist Deine Meinung - kommt die Kälte vor der Flut oder nach der Flut? Kommt der Krieg vor der Flut oder nach der Flut? Steht die Flut mit der Finsternis in Zusammenhang? Für wie viele Jahre sollte man, angesichts eventueller zeitlicher Massierung von derartigen „Katastrophen“, Lebensmittelvorräte anlegen? Hältst Du es für denkbar, dass nach einer „kosmischen Katastrophe“ das Sonnenjahr nicht mehr 364,24 Tage und die Erdrotation nicht mehr 23 Stunden 50 Minunten 4 Sekunden dauern? Wie schätzt Du die aktuelle Lage ein: eventuell die trügerische Ruhe vor dem Sturm? Glaubst Du, dass wir Menschen nach einer „Weltenwende“ (wenn also das TV ausfällt und man nicht mehr mit dem I-Pod sondern mit Hunger und Unsicherheit durch die Gegend läuft) uns wirklich substantiell ändern werden - oder wir die gleichen bleiben wie seither schon?

An Trace wie auch an alle anderen Mitleser herzliche Grüße sowie die besten Wünsche für die neue Woche!

Gerhard


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