und wenn weder Kaiser noch Kalif kommt? Doch auswandern? (Freie Themen)

Baldur, Samstag, 25.02.2017, 11:29 (vor 3259 Tagen) @ Bär (4762 Aufrufe)

Hallo, Bär,

wenn man am Bahnhof oder am Schiffsanleger zuwartet, weil jemand sagt, das käme alles wieder in Ordnung, Du brauchst nicht zu gehen, verpasst man irgendwann den letzten Zug bzw. das letzte Schiff.

Und stellt dann fest, das wars, aber Godot kommt nicht.

Oder Du siehst einen schweren Sturm aufziehen, aber jemand hat gemeint, sein lädierter Fuss würde nicht schmerzen, also verginge das ganz sicher und käme nicht her, und Du machst Dein Anwesen nicht sturmfest, sondern guckst voller - trügerischer - Hoffnung zu - dann wirst Du mindestens nass.

Natürlich hast Du es sehr treffend auf den Punkt gebracht:

Wenn ich was habe in der Fremde bin ich der erste dem sie es nehmen. Habe ich nichts bin ich der Letzte dem sie etwas geben weil erst Familie, Nachbarn und Freunde dran sind.

Das ist zumindest die Erkenntnis der Vergangenheit, und wird sicher auch in ein paar Zielländern noch heute und morgen so sein.

In anderen - hoffentlich - nicht.

Man kann nicht von jetzt auf gleich dazugehören und akzeptiert werden.
Die Mindestwartefrist auf eine Einbürgerung liegt meist zwischen 8 und 10 oder 12 Jahren. Nicht ohne Grund. Erfahrungsgemäss ist das das mindeste, um halbwegs integriert zu sein.

Gehst Du 2017, bist Du frühestens 2030 im Zielland "angekommen" und "daheim".

Entsprechend braucht das viel und langen Vorlauf. Wer zu spät geht, den bestraft das Leben.

Was das "deutsche" Heimat- und Lebensgefühl angeht, findet man auch in anderen Völkern Ähnlichkeiten. Man kann sich sogar mit speziellen, lokalen Sitten und Gebräuchen anfreunden, denn selbst Schlendrian und Korruption haben ihre Vorteile.

Und letztlich ist Heimat da, wo es einem gut geht und wohl ist.

Ich habe Schland vor 25 Jahren verlassen, und es nicht einen Moment lang bereut.

Lieber habe ich einen "fremden" Nachbarn, der ähnlich denkt, fühlt, und handelt, wie ich, als einen "Volkszugehörigen", der alles anders sieht, und mich als Feind betrachtet, den er bekämpfen möchte.

Letztlich sind beide Varianten zum Kompromiss geworden, eine klare Trennung gibt es nicht mehr, man kann sich nur entscheiden, was einem nach Bewertung aller Aspekte wichtiger ist.

Wenn das Land mit der mutmasslich grössten Fremdenablehnung des letzten Jahrhunderts, die Schweiz, mittlerweile zum Einwanderungsland geworden ist, und dies dort mehrheitlich akzeptiert ist (nach den Aussagen derer, die ich persönlich danach gefragt habe), sagt das alles.

Nicht nur die Welt, auch die Gesellschaften haben sich radikal und unumkehrbar gewandelt.

Für unsere Grosseltern waren die Bewohner der angrenzenden Länder noch fremd, für unsere Eltern nur die Bewohner der übernächsten Länder, heute scheint die Herkunft gar keine Rolle mehr zu spielen.

Ob man das befürwortet oder ablehnt, spielt für die Kenntnisnahme des Istzustands keine Rolle.

Und entsprechend läuft es auch in den anderen Ländern.

Meine ich.

Es wird weder ein (wohlwollend-gutmütiger) Kaiser kommen, noch ein Kalif, eher ein lokaler Pate, und/oder ein Kasperl, oder ein Konfiszierer.

Beste Grüsse vom Baldur


Gesamter Strang: