IX 48 weitergedacht (Schauungen & Prophezeiungen)

Pferdchen, Samstag, 25.08.2018, 02:24 (vor 2121 Tagen) @ Pferdchen (2408 Aufrufe)

Hallo,

ich hab noch ein paar Gedanken zum Quatrain IX 48.

La grand cité d’occean maritime,
Enuironnee de maretz en criſtal:
Dans le ſolſtice hyemal & la prime,
Sera temptee de vent eſpouuental.

Die große Stadt des Meeresozeans,
Umringt von kristallenen1 Fluten2.
Zur stürmischen3 Sonnwende4 und Morgenstunde5,
Wird erfaßt6 von schrecklichem Wind.


Ich mach Übersetzung und Auslegung gleich in einem Atemzug:

La grand cité d’occean maritime,

Die große im/am Wasser gelegene Stätte des Titanen Okeanos (=personifiziertes Weltenmeer/Urmeer), also entweder Atlantis oder die ganze antike Welt

Enuironnee de maretz en criſtal:

Umgeben von einem "gläsernen Meer, gleich Kristall ", wie wir es aus der Johannesoffenbarung kennen - der Verweis auf die Bibel, weil (m)aretz so eigentümlich hebräisch klingt. Gemeint sind hier die himmlischen Sphären, die nach altweltlicher Ansicht aus Kristall bestanden.

Dans le ſolſtice hyemal & la prime,

Zur Wintersonnenwende und Morgenstunde, also am Tag Null zur Stunde Null innerhalb eines Weltenzyklus, also ganz am (Neu-)Anfang. Seit der Unendlichen Geschichte weiß ja jedes Kind, dass jeder Neubeginn aus der Dunkelheit und dem letzten verbliebenen Sandkorn geboren wird.

Sera temptee de vent eſpouuental.

Wird berührt und verführt vom schrecklichen Geist/Odem Gottes, der sich traditionell im Wind manifestiert - "gar schröcklich", weil dies ein Attribut der Gottheit Jahweh ist

Konklusion:
Das ist Genesis 1:1 - Bereshit bara Elohim et hashamayim ve'et Haaretz auf nostradamisch, ein (Neu-)Schöpfungsmythos, verschlüsselt in Sagenbilder aus aller Welt. Ob das im Kontext der Centurie Sinn ergibt, weiß ich nicht. Was Nostradamus uns mit dem Mythenpotpourri sagen will, ist mir schleierhaft. Noch abstruser jedoch fände ich es, anzunehmen, dass er uns mitteilen wollte, dass es in irgendeiner großen Stadt eines Morgens schrecklich windig wird. Dann doch lieber eine mythologische, weil weniger banale Interpretation. Auch weiß ich nicht, ob Nostradamus es mit der Grammatik nicht so genau nahm (La grand cité - also bitte...) oder ob sich das Altfranzösische tatsächlich so merkwürdig angehört hat oder ob es vielleicht mit der mutwilligen Falschschreibung von "grandE" eine Bewandtnis hat. Überhaupt ist bei Nostradamus immer alles grand, grand, grand et plus grand. Hat das was zu bedeuten, dass le Grand Maître der Neologismen sich bei "grand" extra einfallslos anstellt?

Sieht jedenfalls so aus, als hätte ich nun ganz toll interpretiert und verstehe trotzdem immer noch nur Bahnhof.

Gruß,
Pferdchen


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