Als regelmäßiger Leser dieses Forums drängt es mich, meine Erfahrung zu Oswald Spenglers Einsichten zu übermitteln. Ich hoffe, dass dies dem Umgang mit dem Thema "Schauungen" helfen möge. Lange war mir Oswald Spengler ein Wahrheitsverkünder, und ich habe seine Werke mit Begeisterung verschlungen. Eines grauen Wintertages pilgerte ich sogar zu seinem Grabstein im Münchner Norden, um zu verstehen, was es mit diesem Menschen auf sich hat.
Als ich eines Tages seine Biographie mit dem Titel "Ich beneide jeden, der lebt" las, kamen mir plötzlich Zweifel an der Vollständigkeit seiner, nun ja, eben doch: "Schauungen". Es schien mir, als ob Spengler womöglich etwas übersehen haben könnte. Aber was? Natürlich geht unsere Kultur vor die Hunde, und natürlich "leistet" unserer Zivilisation vor allem nur noch Verfallsarbeit.
Aber ist das offenkundige Ende dieses Kulturlebenszyklus mir faustischem Menschen wirklich unausweichlich in die Seele gebrannt? Ich kann doch erkennen, was passiert, und ebenso kann ich mir vorstellen, dass es NICHT oder nicht SO passiert?
Und mit welchem Teil meines Selbst kann ich diese Alternativen in meiner Vorstellung beleben? Gibt es vielleicht doch einen Teil meiner Seele, der über das faustische hinauslebt?!?
Mindestens scheint Oswald Spengler zu seinen Lebzeiten diesen Teil nicht mit Wohlwollen erforscht zu haben, weil das "Leben" ihm offenbar nicht recht schmecken wollte.
Vielleicht mag diese Ebene hier im Forum nützen, nicht nur Schauungen, sondern auch methodische Konstrukte wie etwa Spenglers Geschichtsmorphologie unter dem Aspekt der persönlichen Lebensbewältigung zu erwägen. Denn es lebt da Unbestreitbar etwas im Menschen, dass nach Entfaltung und nicht nach Verfall schreit...
Eine Erwähnung wert ist hier vielleicht auch der Zusammenhang zwischen Überzeugungen und dem mittlerem Alter einer Gruppe Menschen:
je älter, desto kürzer die konkrete Perspektive in die Zukunft (und auch: je nihilistischer, desto größer die Apokalypselust).
Dass wir Menschen aber dennoch die eigentümliche Freiheit besitzen, uns von solchen dämlichen, weil programmierbaren Aspekten zu befreien, möge Euch den Frieden ahnen lassen, den Ihr wahrhaft ersehnt!
Grüße
nvf33
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