Nema struja nema voda (Freie Themen)

Bär, Freitag, 13.06.2014, 19:54 (vor 4247 Tagen) @ Baldur (3414 Aufrufe)

Moin Baldur,


welch schlimme Dinge du uns hier servierst.

Bedingt durch meine Zeit in BiH habe ich den Ausfall des elektrischen Stromes üppig trainieren dürfen. Nema struja, also kein Strom hieß natürlich auch bald nema voda also kein Wasser.

Es war nicht nur ärgerlich, dass deine Excel Dateien an denen du den ganzen Tag gehockt hast im Nirvana gelandet sind. Warst du unterwegs konntest du fahren...solange die Nadel deines Tankanzeigers es zuließ. Nicht nur der bosnische Dschungel brauch elektrischen Strom um Benzin aus der Tiefe zu fördern. Eine ganz und gar nicht repräsentative Umfrage von mir ergab, dass keine der von mir erreichbaren Tankstellen eine Notstromversorgung hat. Also auch kein Benzin/Diesel/Gas.

Nun war das in Bosnien noch ganz nett. Du hast halt an einem Grill angehalten und Ziege vom Grill gegessen. Das Bier war noch passabel kalt und eine Tasse türkischen Kaffee haben sie auch noch heiß bekommen.

Aber bei uns ist die Ziege auf dem Holzkohlengrill eher die Ausnahme. Also stehst du hier im Zweifel am Straßenrand bis alles wieder funktioniert oder auch nicht.

Die gesamte Logistikkette ist abhängig vom Strom, du hast es ja in epischer Bandbreite berichtet.

Mein Bärenhof liegt so am A...h der Welt, dass hier selbst der elektrische Strom auch immer wieder ausfällt, mal ein paar Stunden, mal fast einen ganzen Tag lang weil die Versorgung noch nicht durch eine Ringleitung erfolgt und ein geknickter Mast meinen kleinen Blackout verursacht.

Nun sind wir ja ein Stück weiter und vorbereitet.

Im Ernstfall zeigen sich dann aber die Mängel. Taschenlampen haben wir satt, wir könnten damit handeln. Aber am Bett liegt garantiert keine musst du dann fest stellen. Den mechanischen Ohrenwecker zum Aufziehen hast du natürlich, aber gerade den hast du nicht gestellt weil die Frau ihn zu nervig findet. Und der Tank, den du seit 8 Jahren niemals unter die halbe Füllung herunter gefahren hast ist gerade heute doch ziemlich leer.

Unsere praktische Erfahrung hier im dunklen Walde zeigt uns, dass die Versorgung mit Wasser Priorität hat. Dass das Wasser fehlt merkt Hugo Hamper im Erdgeschoß des Hochhauses dann daran, dass Ließchen Müller im 10.OG ihre Kupferbolzen auf die letzte Reise schickt obwohl die Spülung alles tut aber nicht spülen will. Die Bolzen sieht der Hugo dann im Zweifel in seiner Schüssel wieder (siehe oben Baldurs Beitrag).

Dann brauchen wir eine Kochstelle die auch als Heizquelle dienen kann. Am Sinnvollsten ist das Haus generell mit Holz zu heizen. Eine Ölheizung streikt ohne Strom. Mit Holzheizung hast du Kochstelle, Wärmequelle und auch warmes Wasser. Nach drei Tagen ohne Warmwasser steigst du auch im Winter in den Wildbach (so man hat) weil du sonst stinkst wie ein Iltis. 30 Liter Wasser auf dem Ofen gewärmt und 30 Liter kaltes Wasser dazu in die Badewanne sind vielleicht kein Luxus aber der Unterschied zwischen Prinz und Prinzessin bleibt erhalten. Und diese schleimige stinkende Kruste auf der Haut ist dann weg. Plötzlich sind auch viel weniger Fliegen in deiner Nähe.

Wir sind hier bemüht elektrische Geräte weitgehend zu vermeiden wo es geht. Wir melken inzwischen wieder von Hand weil durch den Aufwand die Melkmaschine zu reinigen keine Zeitersparnis mehr durch die Maschine besteht. Sind die Hände erst einmal trainiert geht das duchaus mit 5 bis 10 Milchschafen.

Fällt der Strom dann länger aus, müssen die Kühltruhen geleert werden. Also wieder die Kochstelle anwerfen, das Fleisch braten, das Gemüse kochen und die tapfer gesammelten Gläser mit Unmengen Gulasch füllen.

Eigentlich alles gar nicht so schlimm. Nur der erste Kaffe am Morgen ist halt erst dann fertig wenn der Ofen brennt.

Das Problem ist meines Ermessens gar nicht der Stromausfall. Das Problem sind wir. Wir mit unserer gedankenlosen Abhängigkeit vom Strom. Der faule Hintern, den wir nicht hoch bekommen weil wir doch lieber shoppen wollen statt Kartoffeln an zu bauen, lieber auf dem Ballermann saufen und grölen anstatt Schafsställe zu entmisten.

Wer bis hierhin gelesen hat und Irlmaier kennt: Die Lichter brennen nicht, außer Kerzenlicht, der Strom (elektrisch) hört auf, seinen Allerwertesten aber immer noch nicht hoch bekommt, der hat sich sein Schicksal redlich verdient.

Und nein, mein Gulasch esse ich selber ohne Mitesser. Ganz sicher. Auch wenn sie es durch die Betonwände riechen können (copyright BB).

Die absolute Panik wird jedoch nicht erst ausbrechen wenn die Menschen fest stellen, dass Tank und Kühlschrank leer sind. Bei Weitem gefehlt. Die Panik beginnt sobald die Zwischennetzplatte keine bunten Bildchen mehr zeigt, keine "App" mehr funktioniert und man der "Community" sein Leid nicht klagen kann. Diese unendliche Leere die sich breit macht ohne Foren und Gesichtsbuch zerstört den letzten Lebenswillen bevor der Hunger beginnt oder der Körper zu stinken anfängt.

Krisenvorsorge fängt auf dem Acker an. Heute, nicht morgen oder nach dem Urlaub.

Als erste Übung könnte man ja mal den Strom ausstellen. 24 Stunden ohne Zubanschachtel und Gehirngrill aka Mikrowelle, ohne Günter Jauch und Dauerberieselung durch SWR 3. Da tun sich dann ganze neue Welten auf.


Mit ketzerischem Bärengruß


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