Hallo,
ich schätze, hier ist ein geeigneter Rahmen, um den Inhalt einer Zettelsammlung zur Diskussion zu stellen, die mir ein ehemaliger Klassenkamerad nach etlichen längeren Gesprächen in die Hand gedrückt hat.
Zunächst etwas zu meinem ex-Klassenkamerad: Er ist Taxifahrer in einer Großstadt am Rhein, wir haben den gleichen Musikgeschmack, und wir fahren öfter auch weiter weg zu Rockkonzerten. Bei manchen Fahrten ist er konzentriert, eher ernst und fährt genau nach Verkehrsregeln. Immerhin lebt er von seinem Führerschein. Bei anderen Fahrten hat er schon bei Abfahrt ein leichtes Grinsen im Gesicht stehen, und er fährt wie der letzte Henker: Innerorts mit 80 über rote Ampeln, auf der Autobahn mit 240, ohne anzuhalten am Stopschild. Auf diesen Fahrten fährt er aber auch ohne ersichtlichen Grund 30 wo 50 erlaubt sind oder bremst in unübersichtlichen Kurven, kurz bevor ein Auto entgegenkommt. Wenn ich ihn frage, ob er bei der Rumheizerei wahnsinnig geworden ist, sagt er nur "Da kommt keiner... Da blitzt keiner... Das sieht keiner." Wenn ich frage, warum er vor der Kurve gebremst hat, als uns das Auto entgegengekommen ist, sagt er "Das war doch besser so."
Es hat etliche Gespräche gedauert, bis er mehr dazu erzählt hat: An manchen Tagen, in manchen Situationen "weiß" er einfach, was Sache ist. Er ist sich seiner Sache absolut sicher. Und bis jetzt ist es ja auch gutgegangen. Kein Unfall, kein Punkt in Flensburg. Es hat noch länger gedauert, bis er erzählt hat, dass er noch mehr solche "Gewissheiten" hat. Bei Lottozahlen war das noch nie der Fall, sagt er, aber mit Aktien hat er schon ein paar Fernreisen verdient. Er hat nie den Mut gehabt, viel Geld auf eine Sache zu setzen, aber wenn er es probiert hat, hat er ordentlich Gewinn gemacht. Außerdem hat er beim Nachrichtensehen im Fernsehen oder beim Lesen in der Zeitung manchmal solche "Gewissheiten", die größere Zusammenhänge betreffen. Viele Jahre hat er sie nicht beachtet, anfangs sogar gar nicht gemerkt, dass ihm Entwicklungen im Voraus klar waren, die so eigentlich einem Normalbürger gar nicht klar gewesen sein konnten. Erst in den letzten eineinhalb Jahren hat er angefangen, seine plötzlich auftretenden "Gewissheiten" aufzuschreiben, jeweils auf das Papier, das gerade in seiner Nähe lag. So kam ein Stapel von ramponierten Papierstücken zustande, die er mir vor kurzem in die Hand gedrückt hat.
Er will auf keinen Fall erkannt werden, hat Bedenken, dass die Herren mit den weißen Kitteln und "Hab-Dich-Lieb-Jäckchen" vorbeikommen oder ihm jemand den Führerschein wegen MPU wegnimmt. Deshalb habe ich den Familiennamen seiner Großmutter mütterlicherseits mit seinem zweiten Vornahmen kombiniert und nenne ihn hier "Johann Wagner". Mein Name ist, um ihn zu schützen und weil ich meiner Sache ebenfalls nicht ganz sicher bin, eine ähnliche Konstruktion. Mag die Glaubwürdigkeit darunter leiden, dann ist es halt so.
Ok, jetzt zu der Zettelsammlung: Die Zettel sind durcheinander, ein Datum ist nicht vermerkt, deshalb habe ich sie thematisch sortiert und innerhalb der Themen willkürlich durchnummeriert. Hier der Inhalt:
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Zu Europa:
(1)
Der Kaiser wird die Reden als Kind in Dokumentationen sehen. Es wird dann niemand mehrleben, der den Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Die Zeiten werden in seiner Jugend so rauh, dass die Zeit des Zweiten Weltkriegs an Relevanz verliert und nicht mehr im Bewusstsein der Menschen ist. Religion und Atheismus werden erbitterte Gegner: Der eine wirft dem anderen Ignoranz und Intoleranz vor. Die Welt wird polarisiert. Es wird kein Dazwischen mehr geben. Entweder glaubt man, oder man glaubt nicht. Zwischen den Gruppen wird Gewalt erwachsen. Die Wirtschaft wird einen Niedergang erleben, der die Gesellschaft Gewalttätig macht. In dieser Welt wird der neue Kaiser aufwachsen. Unerkannt. Als einer unter uns. Er wird die Macht kennenlernen, aber sie in der Alten Welt nicht ausüben. In der Alten Welt wird er scheitern und sie ganz unten kennenlernen. Erst mit dem Wachsen der Krise, mit dem Wachsen des Widerstreits zwischen Gläubigen und Atheisten wird er wachsen. Er strebt die Macht nicht aus eigenem Antrieb an. Sein Leben und das Werden der Welt wird ihn in die Position bringen, in der er sich entscheiden muss, die ihm vom Lauf der Welt, vom Schicksal, die Gläubigen werden sagen von Gott, angetragene Krone zu ergreifen. Er wird sie widerstrebend annehmen. Er wird Kaiser sein von Gottes Gnaden, im alten Geiste, in der Neuen Welt. Er wird demütig die Neue Welt im guten alten Geiste aufbauen, mit vielen verständigen Geistern, mit Menschen, die verstanden haben werden, woran die Alte Welt gescheitert ist, warum sie nur so kurze Zeit Bestand hatte, und welche Elemente des wirklichen Mittelalters, der Zeit vor dem 14. Jahrhundert der Dünger des Gedeihens und der Blüte der Neuen Welt sein werden.
(2)
Ein Prophet aus Karden bereitet dem neuen Kaiser den Weg. Ein Kardinal aus Metz stösst dazu. Ein General aus Altötting beendet den Großen Krieg.
(3)
Das neue Kaiserreich umfasst zuerst auch Frankreich. Dann spaltet der Westen und die Mitte Frankreichs sich als Königreich ab, während der Osten im Kaiserreich bleibt. Erst nach knapp einem Jahrhundert wird das Königreich Frankreich wieder mit dem Kaiserreich vereint. Die Spaltung wird noch von Resten der Idee des Nationalstaats geprägt sein, die Vereinigung ist geprägt durch die Idee geistig religiöser Einheit und der Dynastie im Zusammenhang mit Gottesgnadentum.
(4)
Im Großen Krieg wird der Südwesten Englands, die Westküste Frankreichs, der Westen Irlands und der Osten Nordamerikas, besonders die nördliche Atlantikküste der USA und die südliche von Kanada durch einen Tsunami überflutet. Der Tsunami wird ausgelöst durch einen großen unterseeischen Bergrutsch, der wiederum durch Waffeneinsatz ausgelöst werden wird. Es ist mindestens die Kombination eines Flugzeug- und eines U-Boot-Einsatzes.
(5)
Die große Krise ist jetzt noch nicht. Die Bankenkrise wurde durch Staatshilfe überwunden und hat die meisten Menschen kaum getroffen. Jetzt haben wir eine Erholung. Die nächste Krise wird die der Staatsfinanzen sein. Sie findet in diesem Jahrzehnt statt, aber erst nach dem Sommer 2012. Es wird eine erste heftig spürbare Wirtschaftskrise sein, aber nicht die große Krise, die zum Ende der Alten Welt führt. Sie wird eine Krise von mehreren sein, die die Alte Welt für den einen Teil der Menschheit ad absurdum führen wird, während der andere Teil der Menschheit sie um so zäher, verbissener und rigoroser verteidigen wird. Nach der Krise der Staatsfinanzen mit der ihr nachfolgenden großen Wirtschaftskrise wird noch ein Aufschwung kommen. In den 20er Jahren beginnt dann die Dauerkrise. Das ist die Kindheit oder Jugend des nächsten Kaisers. Ab den 20er Jahren wird eine Wirtschaftskrise der nächsten Folgen, jede Zwischenerholung wird nicht den Wohlstand vor der letzten Krise erreichen. Die Krisen werden immer schneller aufeinander folgen. Der eine Teil unserer Gesellschaft wird erbittert um die materielle, säkulare Welt kämpfen. Atheismus wird aggresiver werden. Der andere Teil unserer Gesellschaft wird sich dem Glauben zuwenden, besonders den alten Formen, den antimodernen. Auch hier wird Aggression zunehmen. Aber erst nach Jahren der nächste Kaiser wird erwachsen sein kommt es in Italien zu staatlich geförderten Pogromen gegen den Klerus. Es wird kein Massenmord an Priestern und Ordensleuten sein, aber viele sterben. Viele tausend, zehntausend Gläubige fliehen aus Italien nach Deutschland, der Papst wird Exilant in Köln sein. Der nächste Kaiser kommt nicht aus Köln, aber in Köln wird er seinen Weg beginnen. Die Reihe der Wirtschaftskrisen wird schließlich im Großen Krieg enden, der die Alte von der Neuen Welt scheidet, und nach dessen Ende der neue Kaiser die Krone annehmen wird.
(6)
Die nächste Wirtschaftskrise wird eine Krise der Staatsfinanzen sein. Sie wird aber noch nicht zu Bürgerkrieg und Krieg führen. Erst die in immer kürzeren Zeiträumen aufeinanderfolgenden Krisen ab den 20er Jahren werden zu einem Umsturz in Italien mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen und Pogromen gegen den katholischen Klerus führen. Bürgerkrieg und Krieg wird auf dem Balkan kommen, Brennpunkt der Entwicklung wird der Kosovo sein. Im Rest von Europa wird es Unruhen, aber bis zum Großen Krieg, der die Alte Welt von der Neuen Welt trennt, weder Bürgerkrieg noch Krieg zwischen Staaten geben.
(7)
Russland wird seinen alten Stolz behalten, bis die Katastrophe des Großen Krieges vorbei sein wird. Der Große Krieg kommt aber erst nach 2028. Die Naturkatastrophe, die die Wende des Großen Krieges bringen wird, ist kein Einschlag eines Asteroiden oder Kometen, sondern ein Vulkanausbruch. Er wird Russland schwächen und von Europa trennen, so lange, bis es seine Kräfte aufgebraucht und zu einer vernachlässigbaren Macht gemacht hat. Russland wird eigenständig bleiben, weder von Europa noch von Asien aus erobert werden. Aber es wird keine Kraft mehr haben, seine Nachbarn zu dominieren.
(8)
Teile der Niederlande und des Niederrheins werden im Wasser versinken. Es entsteht eine Seenlandschaft.
(9)
Die großen Umwälzungen beginnen erst, nachdem auf dem Franzosenkopf am Rhein die Bagger rollen.
(10)
Der Vulkanausbruch, der den Großen Krieg entscheidet, findet in Tschechien statt, im Gebiet der berühmten Bäder. Die pyroklastischen Ströme stoppen den Vormarsch der Angreifer in Tschechien, der Ascheregen stoppt den Luftkrieg in ganz Europa. Die Hauptausbreitungsrichtung des Ascheregens ist Richtung Norden, bis zur Ostseeküste fallen mehr als 15 cm Asche vom Himmel. Staubverwehungen werden zum Teil wesentlich höher. Luftfilter der Militärfahrzeuge verstopfen, Motoren fressen durch die Feinanteile fest. Die Soldaten sind mehr mit dem Atmen beschäftigt als mit dem Vormarsch. Der Nachschub stockt, das Heer der Angreifer wird gestoppt, es kommt zur entscheidenden Schlacht nördlich der Mittelgebirge. Einige Wochen nach dem ersten großen Ausbruch gibt es einen zweiten, größeren. Die pyroklastischen Ströme verbreiten sich über eine größere Flache und richten weitere Verwüstung an. Der Wind trägt die Asche jetzt mehr Richtung Osten. Der Krieg ist dann schon entschieden, aber der Schaden im Osten nimmt zu. Es entstehen große, entvölkerte Gebiete östlich und nordöstlich von Tschechien. Auch der Bayrische Wald und Bayern werden in Mitleidenschaft gezogen, das Gebiet kann sich aber innerhalb weniger Jahre erholen. In Kinatöd wird sich eine Familie unbeschadet nach elf Wochen aus dem Keller befreien.
Zu Ostasien:
(1)
China wird vom Großen Krieg schlimmer getroffen werden als Europa: Nuklearwaffeneinsatz, die Zerstörung des Dreischluchtendamms, das Ende des Welthandels, das wird Chinas Bevölkerungszentren schwer treffen und größtenteils auslöschen. Die Städte enden, das Land wird überleben. Tibet wird leben, die Mongolei und die Innere Mongolei werden leben, und nach dem Ende der materiellen Werte werden die alten Philosophien und Religionen aufleben, insbesondere der Buddhismus. Die Eroberung Alaskas wird China nicht gelingen.
(2)
Lhasa wird verwüstet, aber nicht zerstört. Der Wiederaufbau wird schnell erfolgen. Die Stadt wird von Schülern überflutet werden und für lange Zeit blühen.
Zu Amerika:
(1)
Die Vereinigten Staaten zerfallen, es bilden sich neue Staaten, allesamt Republiken: Kanada vereinigt sich mit Alaska, die alten Südstaaten bilden einen neuen Staat, der Nordosten und Mittlere Westen bildet dessen Gegenstück. Der Westen der USA wird zerrüttet von Naturkatastrophen, Trockenheit, Verrohung und Anarchie. Das wüste Anarchistenland im Westen wird keine wirklich staatliche Struktur mehr haben, aber Warlords. Der Westen wird so uninteressant sein, dass die drei nordamerikanischen Staaten ihn für lange Zeit nicht unter Kontrolle bringen wollen.
(2)
Der Süden wird geeint von einer Frau aus Choctaw County, Mississippi. Sie wird kein Amt bekleiden, aber sie wird den Süden auf den Weg bringen und vorantreiben.
(3)
Mexiko zerfällt in einen Nord- und einen Südstaat. Die Hauptstadt wird im Wasser versinken.
(4)
In Argentinien wird es einen Ideologen geben, gut im Schreiben und Reden, aber ohne politisches Amt, der die Unterdrückung der indigenen Völker in Südamerika für mehr als ein Jahrhundert vorantreiben und zementieren wird. Sein Zeichen ist ein Rinderschädel: Er erscheint auf dem Cover seines ersten erfolgreichen Romans und bleibt sein Markenzeichen.
Zu Nahost:
(1)
Die arabische Welt wird den Großen Krieg nicht auslösen. Er wird nicht im Nahen Osten oder in Nordafrika entschieden. Die kommenden Wirtschaftskrisen werden die arabische Welt in Chaos stürzen. Der Große Krieg wird ihr, auch wenn sie sich nicht in nennenswertem Umfang an ihm beteiligen wird, die Existenzgrundlage entziehen. Aus Unruhen werden Bürgerkriege, aus Bürgerkriegen Kriege, die Auflösung der Staaten in dieser Region macht aus Kriegen Bürgerkriege. Die Araber werden wieder Söhne der Wüste. Friede wird erst wieder in Zelten herrschen, in den Dörfern des Nordens und in den Ruinen der Städte des Nordens. Für lange Zeit wird sich die arabische Welt vom Rest der Welt abwenden. Und sie wird Frieden haben vom Rest der Welt.
(2)
Der Friede in der arabischen Welt wird ausgehen von den Kurden. Es wird in Kadir Karram beginnen.
(3)
Die Familie von Ismail wird die Botschaft des Friedens wie einen Funken bewahren und zu gegebener Zeit von Kadir Karram aus verbreiten. Ismail lebt schon nicht mehr, war Kräuterarzt und Freund eines Königs. Sein Vorbild erhält den Funken des Friedens in der Familie.
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Johann Wagner sagt selbst, dass er Irlmaier, Mühlhiasl, Feldpostbriefe usw. gelesen hat und sich deshalb selbst nicht sicher ist, ob alle diese "Gewissheiten" da her kommen, wo sie beim Autofahren herkommen. Trotzdem finde ich, dass man sie hier diskutieren kann.
Mit freundlichen Grüßen
F. Kottke