Credo (Schauungen & Prophezeiungen)

Gerhard, Montag, 30.05.2011, 01:17 (vor 5630 Tagen) @ trace (3717 Aufrufe)

Hallo liebe Trace, liebe Lissi!

Glaube hat nichts zu tun mit Wissen oder Vernunft oder gar mit Information. Man sollte m.E. den Begriff "Glauben" nicht gegen solche Wischi-Waschi-Begriffe ausspielen und hoffen, man komme so zu einem wirklichen Erkenntnisgewinn. Denn Glauben ist überhaupt keine Denkoperation oder eine intellektuelle Angelegenheit. Wer den Glauben im "Kopf" lokalisieren möchte, liegt möglicherweise etwas "daneben" und zeigt nur, dass er durch schwachsinnige philosophischen Diskussionen der letzten 300 Jahre sich hat verwirren lassen.

Glaube ist vielmehr eine Handlung, eine eminent praktische Aktion, die wohl jeder von uns täglich tausendfach hinter sich bringt - ohne es überhaupt zu bemerken.

Wenn man die Dinge, so wie sie real sind, nicht mehr versteht, dann hilft es manchmal, sich in der Etymologie umzuschauen. Für den indogermanischen Bereich ist der Befund relativ klar, und selbst das Hebräische ist ungefähr analog. Nach dem altem deutschen Verständnis war mit "Glauben" ein "Geloben" gemeint, ein "für gut Heißen", nah gebaut auch ans "Lieben", das guten Glauben immer einschließt. Es wird hier sichtbar, dass Glauben eine Herzensangelegenheit ist, bei der man mit der ganzen Person involviert ist. Dem entspricht voll das lateinische "Credere", das ein Kompositum ist aus "cor dare", also sein Herz geben. Dass es sich beim Glauben um eine sehr urtümliche und wirklich existentielle Angelegenheit handelt, zeigt auch das indische Analogon im Sanskrit: "srad-dha", sein Herz auf etwas setzen.

Nehmen wir nun ein Beispiel aus dem Weltenwende-Forum, um den Sinn hinter diesen Vorstellungen zu erläutern. Ich persönlich glaube, dass die Weltenwende sich nicht so abspielen wird, wie sie hier auf dem Forum gedacht wird. Und ich glaube darüberhinaus, dass ich - falls sie dennoch käme und ich bis dahin noch lebe - sie überstehen werde, ohne die geringste "Vorbereitung". Detlef dagegen glaubt, dass die Weltenwende ihn in Form einer Megatsunami in Paraguay erwischen wird, und deshalb bereitet er sich intensiv darauf vor. In beiden Fällen involviert der jeweilige Glaube die ganze Person, ja sogar das ganze Leben - wir sind beide mit jeder Faser unserer Existenz an diese Vorstellung gebunden, in die wir unseren Glauben nun setzen. Jeder Spass hört hier auf - und Glaube fängt an.

Ich habe das nun an einem extremen Beispiel erläutert. Aber wie eingangs gesagt, ist das eine ganz alltägliche Angelegenheit: wer ein Geschäft eröffnet, der glaubt, dass Kunden zu ihm kommen werden; wer einen Vertrag abschließt, glaubt an seinen Partner - und so geht das von Minute zu Minute, bis zum Ausfüllen des Lottoscheins am Freitagnachmittag. Praktisch beginnt der Glaube schon morgens beim Aufstehen, wenn wir nämlich glauben, dass wir noch die gleiche Person sind wie gestern Abend vor dem Einschlafen. Wir treffen täglich - meist unbewußt - tausend Entscheidungen und gehen um hundert Ecken, um die wir vorher nicht herumsehen können - und wir glauben dann dabei, dass wir mit niemandem zusammenstoßen werden und alles immer gut geht. Sonst würden wir vermutlich im Bett liegen bleiben.

Dem Glauben geht demnach nicht ein mangelndes, ungenügendes Wissen voraus, sondern er ist Ausdruck eines Wollens, einer Strebung. Das Wollen schließt dabei meist ein "inneres Bild" mit ein, oftmals eine Wunsch"vorstellung" (beides zusammen bezeichnen Psychologen dann als "Intention" ...) - und erst lange, lange danach, kommt so etwas wie ein Wissen oder eine Information.

Kolumbus beispielsweise hat jahrelang "Informationen" über ein mutmaßliches Land hinter dem Antlantik gesammelt (etwa bei einer Reise nach Irland, denn da gab es wenige Jahre zuvor diese Fahrt der beiden Deutschen Pothorst und Pining auf der alten Wikingerroute nach Vinland, und immer wieder wurden, so liess sich Kolumbus auf Madeira erzählen, fremdartige Gegenstände angeschwemmt ...). Und selbstverständlich hat sich Kolumbus in seinem Kopf irgendwelche Vorstellungen über Amerika zurechtgezimmert - denn ohne Vorstellungen geht es halt nicht. Wir können ihm doch nicht, wie Trace das am liebsten wollte, mangelhafte Erfahrung vorwerfen! Glaube bezieht sich immer nur auf das, was subjektiv noch nicht ist. Durchaus wichtig: natürlich brauchte er als Seemann Kenntnisse und Erfahrungen. Aber um Amerika zu entdecken, muss er es erst mal entdecken wollen, und er mußte glauben, dass er es finden wird, weil es Amerika gäbe. Kolumbus ist ein echtes Beispiel für Glauben. Genauer gesagt für notorischen Glauben ...

Oder die Auferstehung. Da nützt es einem überhaupt nichts, dass Maria Magdalena den Herrn am Grab gesehen haben soll. Oder dass im Dzogchen irgendwelche Mönche bei ihrer letzten Meditation sich in einen Regenbogenkörper verwandeln, oder dass Castaneda sieht, wie der Nagualzug von Don Juan sich in Licht auflöst, oder dass die drei Meister irgendein Dokument unterzeichnet haben, oder dass in irgendwelchen Yogasutras und Sufibüchern von Moksha und der absoluten Freiheit geredet wird. Das wären alles nur Indizien, nicht mehr als angeschwemmter Seetang auf den Azoren. Es hilft da auch gar nicht, sich viel den Kopf darüber zu zerbrechen: denn was die Auferstehung überhaupt wäre - das ist doch noch viel unklarer und unbegreiflicher als Amerika es für Kolumbus seinerzeit war. Deshalb ist der wahre Glaube auch etwas beängstigend Mutiges (was meist den Neid und Widerstand der "Kleingläubigen" erregt). Wenn jemand im reissenden kalten Fluss zu ertrinken scheint (!!), dann überlegt man nicht. Sondern man springt auch hinein. Oder man springt nicht. Und beide Entscheidungen haben je ihren eigenen Glauben. Mit dem Kopf und Denken hat das aber nicht das Allergeringste zu tun. Sondern eine solche Entscheidung kommt, wie die Etymologien eingangs zeigen sollten, immer ganz aus dem Herzen.

Gerade weil der Glaube eine zutiefst existentiell-energetische Angelegenheit ist, ist er, da hat Lissi völlig recht, ständigen Schwankungen unterworfen, ist mal klein und angefochten, und zu anderen Zeiten wieder baumstark. Und nur weil er eine Art Energie ist, ist er auch übertragbar. Höchst abwegig der Gedanke, dass er durch Informationen und Wissen und Spekulation sich fortpflanzen könne. Wenn Napoleon vor der Beresina steht und glaubt, dass er da eine Brücke rüberbekommt, dann kann Bonaparte seine Offziere und Soldaten auch davon "überzeugen", dass sie das gemeinsam schaffen. Aber da fängt er nicht mit Zirkel und Lineal und mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen an, sondern er lässt Wodka verteilen. Also nehmen seine unsterblichen Pioniere noch einen letzten Schluck und waten ins eisige Wasser. In gewisser Weise (doch hier würden wir in der weiteren Diskussion die Grenzen des Forums wohl überschreiten) ist der Glaube nicht nur eine Herzenssache, eine Sache des Gemüts, des Mutes, sondern er kann durchaus zu einer Form von Magie werden. Und hier wäre dann wieder Vorsicht angebracht.

Denn es kommt wie immer auf das richtige Maß und auf die Balance an. Die Zukunft kann nicht erzwungen werden. Sie muss offen bleiben. Nur so nämlich bleiben Vielheit und Vielfalt garantiert, liegen Möglichkeiten und Potentiale weiter bereit, ist immer auch Spielraum für Kreativität, für die Freiheit des ganz Anderen - für den Zufall auch. Die Brücken in diese völlig offene Zukunft aber schlägt dann immer der Glaube. Das Weitertragen des Lebens - und das Leben selbst ist, an seiner Wurzel schon, Glaube in Reinstkultur. Der Glaube ist dann am größten, wenn man nichts von ihm weiß. Wenn man eine Sache gedankenlos von ganzem Herzen tut.

Dies, mit den besten Grüßen versehen, ist die Meinung von Gerhard, der gerade dabei ist, sich in das Leben in "old europe", hiermit auch in die Weltenwende, wieder einzufädeln. Im Lauf der Woche werde ich die übrigen offenen Threads (@Ulrich, @Taurec u.a.) beantworten. Glaub ich mal ...

G.

PS @Lissi: Du hast in einem Deiner Beiträge den "metaphysischen Aspekt der inneren Einstellung oder der Gebete" erwähnt und ihnen eine Rolle bei der ganzen Kerzengeschichte zugewiesen. Nach dem, was ich oben gesagt habe, ist das der entscheidende Punkt. Ich empfand diese ganze Kerzendiskussion streckenweise ziemlich "daneben", sowohl in der Form (wie etwa sich manche über die Kerzenweihe lustig machten - "Jahrmarkt" habe ich das an anderem Ort schon mal genannt), als auch im Kern der Sache, da die Kerze nur ein äußeres Instrumentum ist, um einen inneren, seelischen Vorgang zu stärken, zu stützen und zu focussieren. Und der ist in diesem Fall in der Tat ein "Beten" - als Ausdrucksform des Glaubens.


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