Irre und Idioten (Schauungen & Prophezeiungen)

Gerhard, Donnerstag, 02.06.2011, 12:46 (vor 5626 Tagen) @ Taurec (3610 Aufrufe)

Hallo Taurec!

Aus der heutigen Sicht müßte man historisch korrekt formulieren, dass Kolumbus "glaubte" und die Intention hatte, Land zu finden, wenn er nur geduldig und weit genug westwärts segele. Ich habe es mir einfach gemacht und sehr schlagwortartig formuliert, wenn ich sagte, er hätte "Amerkia" finden wollen. "Amerika" nach unserer heutigen Vorstellung gab es im Jahr 1492 noch nicht - und so konnte Kolumbus es auch nicht finden wollen. Ich habe den gleichen Fehler begangen, den ich einmal Dir vorwarf, dass wir nämlich auf den Zeitkontext von Aussagen achten müssen.

Natürlich wollte Kolumbus einen Weg nach Asien finden! Die heute noch gebrauchten Begriffe "Indianer" und "Westindische Inseln" sind letzte Spuren dieser seiner Vorstellung, die auch andere Geographen und Seefahrer seiner Zeit teilten - noch lange wurde damals das neue Land als "Hinterindien" bezeichnet. Mit der von Dir erwähnten, seit der Antike bekannten Idee der Kugelgestalt der Erde und deren ungefähre Abmessungen "spielten" seinerzeit nur ganz wenige Gelehrte. Du unterstellst Kolumbus einen Irrglauben, aber das eigentliche Problem it, dass im Lauf der Geschichte sich unser Bild von der Welt und Realität wandelt. Erst in der Generation nach Kolumbus (de Balboa, Magellan, Elcano) dämmerte es den "Spezialisten" unter der Geographen, dass da nochmals ein Ozean, der später so genannte Pazifik, dazwischen liegen würde. Man kann dementsprechend auch nicht davon reden, die frühen Chemiker und Physiker des 19. Jahrhunderts hätten einen Irrglauben hinsichtlich des Aufbaus der Atome gehabt. Da gab es welche, die verteidigten durchaus heftigst ihre Vorstellungen, und lagen doch - aus heutiger Sicht - völlig daneben. Es ist einfach in der Wissenschaft aber auch im täglichen Leben so, dass wir uns der Realität nur durch Versuch und Irrtum annähern können. Und der Versuch setzt immer eine Vorstellung (in der Wissenschaft eine "Hypothese", also "Unter"-stellung) voraus.

Du darfst von Kolumbus nicht verlangen, dass er das heutige volle Wissen über die Welt hätte haben können, und daß er dumm und irrgläubig war, weil er es eben nicht hatte (es klingt bei Dir so, als sei er auf die falsche Schule gegangen). Auch dürfen wir ihm nicht vorwerfen, dass er nicht schnell genug (in wenigen Sekunden, unmittelbar nach der Landung auf Guanahani) sein Weltbild korrigierte. In ähnlicher Weise, obwohl aus einem ganz anderen Blickwinkel gesprochen, glaube ich aus verschiedenen Beiträgen von Trace herauszuhören, dass Menschen, die sich im Geist eine Vorstellung von einem Sachverhalt bilden, Idioten *) sind, denn nach der Meinung von Trace zählt offenbar nur die eigene Erfahrung und das höchstpersönliche Erlebnis einer Sache. Und noch schlimmer ist gemäß der Auffassung von Trace, wenn man Vorstellungen sich nicht selbst bildet, sondern sie von anderen Menschen unbesehen übernimmt (ihr Verständnis von "Informationen"). Auch wenn an allen diesen Auffassungen etwas dran ist, bleibt es dennoch ganz einfach so, dass wir ohne gewisse (immer vorläufige!) Vorstellungen nicht durchs Leben kommen, unsere Weltsicht und Lebenserfahrung auch nicht erweitern können. Es ist eines der Geschenke des Lebens (nach meiner Auffassung), dass man im Geiste Vorstellungen haben, mit den Sinnen und dem Verstand dann überprüfen, korrigieren und am Ende mit der Realität in Einklang bringen kann. Hätte Kolumbus niemals die Idee und Vorstellung von Land im Westen gehabt, dann wäre er vielleicht als Fischer im Ligurischen Meer herumgedümpelt. Allerdings müßten wir uns dann heute auch nicht über Obama aufregen ...

In meinem letzten Beitrag wollte ich vor allem andeuten (es wurde in einer früheren, anderen Antwort auf Trace etwas mehr ausgeführt), dass der Glaube bzw. die Intention immer nur grobe und vage Vorstellungen haben, denn das Wollen orientiert sich kaum an der Außenwelt. Das Wollen ist an "Wissen" total uninteressiert. Vielmehr ist es die Aufgabe des Wollens, selbst neue (zunächst mindestens subjektive) Realitäten zu erschaffen. Das war der Grundtenor meiner Aussage: dass man Glauben, der eine Form des Wollens ist, in keinster Weise gegen Wissen ausspielen und polarisieren darf. **) Die beiden haben wirklich gar nichts miteinander zu tun!

Nach meinem Empfinden bist Du also (das möchte ich wenigstens Deiner Antwort entnehmen) in die gleiche Falle geraten, die uns die neuere Geschichte der Philosophie und der Wissenschaft suggeriert haben. Allerdings stellst Du etwas mehr auf den Begriff der "Wahrheit" ab, wenn Du sagst, dass Kolumbus "geirrt" habe. Der Begriff "Wahrheit" ist dabei wesentlich interessanter als der Begriff des "Wissens". Beim Nachdenken über Wahrheit kommt man jedoch sehr schnell ebenfalls zu dem Punkt, dass sie etwas mit jener Korrespondenz zu tun hat, die zwischen dem Denken/Meinen/Vorstellen im Kopfe und der Wirklichkeit da draußen besteht. Je besser die Übereinstimmung zwischen dem Denken und der Realität, desto "wahrer" scheint eine Vorstellung zu sein. Absolute Wahrheiten gibt es nur bei den transzendenten Prinzipien, die die Wirklichkeit hervorbringen und konstituieren, innerhalb der empirischen (v.a. allem menschlichen) Realität kann es dagegen nur subjektive, also beschränkt wahre Ansichten geben. Ich persönlich halte die sog. "objektiv wahren" Ansichten (forsche Forscher sprechen immer gleich von "Tatsachen" ...) nur für Konventionen, also für intersubjektive Verabredungen zwischen mehreren Menschen. Sie können m.E. durchaus "unwahr" sein, und zwar nicht nur in der Wissenschaft sondern auch im Gerichtssaal oder auf dem alltäglichen Marktplatz. Die approximative Wahrheit (im Gegensatz zur transzendenten Wahrheit) braucht ihre Zeit und unterliegt meist auch dem Zeitgeist. Kolumbus mag sich aus heutiger Sicht "geirrt" haben, für seine eigene Generation gehörte er zu jenen, die der Wahrheit am nächsten waren.

Deine andere Frage von gestern, nach der Weltenwende, gehört eigentlich ebenfalls hierher, denn die "Weltenwende" ist ebenfalls nur eine Vorstellung. Sie wird hier auf dem Forum auf eine bestimmte Weise diskutiert und entwickelt. Bei der Herausbildung der Vorstellung "Weltenwende" wird hier allerdings auf "Materialien" zurückgegriffen, die man nur mit ganz großer Umsicht nutzen sollte, nämlich auf "Schauungen". Obwohl ich zu denen gehöre, die einer "Schau" durchaus mehr Wahrheitsgehalt zusprechen können als der sinnlichen Wahrnehmung und der (auf letzterer aufbauenden) Verstandestätigkeit, so muß ich andererseits doch sagen, dass ein solches Unterfangen sehr anspruchsvoll - und leider auch riskant ist. Ich werde, so bald als möglich, auf diese Deine andere Frage antworten, brauche dazu aber ebenfalls noch etwas Zeit ...

Einen schönen Feiertag Dir und allen hier im Forum!

Gerhard

*) "idiotes" hatte im Altgriechischen, die Bedeutung von "eigen", also völlig in der eigenen, total individuellen Wahrnehmungs-, Denk- und Vorstellungswelt gefangen zu sein.

**) Man kommt dem, was ich hier vermitteln möchte, vielleicht am schnellsten nahe, wenn man zwischen "Glaube" und "Glaubensinhalt" streng unterscheidet. Der Glaubensinhalt kann beliebig vielfältig sein (falsch, wahr, ein komplexes System, eine einzelne Annahme, durchdacht oder phantasiert - oder was immer). Der Glaube an sich ist ein psychoenergetisches Phänomen - nämlich der Wille, die genannten Glaubensinhalte "für wahr" zu halten, auf sie zu vertrauen, sie wirklich werden zu lassen, sie "realisieren" zu wollen, ihnen "Sein" zu geben.


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