Dank an Mirage für die Einnerung an meinen Beitrag zur "Natur der Schau", den ich eigentlich fortsetzen wollte, aber ganz vergessen hatte. Werde zur Sprachphilosophie separat antworten, da ich erst ein Buch rauskruschteln muss, aus dem ich für Mirage gern etwas zitieren würde. Hier zunächst einmal die Begründung, warum ich gerade Nahtoderlebnisse in einen Zusammenhang mit der "Natur der Schau" gestellt hatte. Was hat das Schauen mit dem Sterben zu tun?
Es gab für mich drei Gründe. Ich wollte erstens darlegen, dass im Zustand der Schau offenbar eine Seinsebene berührt wird, die mit unserer alltäglichen physikalischen und sinnlichen Realität nicht identisch ist. Beide "Ebenen" müssen zwar irgendwie miteinander zusammenhängen - aber auf welche Weise? Jedenfalls können Wahrnehmungen in der Schau gemacht werden ohne Beteiligung der Sinnesorgane und ohne die von der Biologie immer unterstellte Verarbeitung im Gehirn - denn während der Reanimation sind ja die Sinnesorgane und das Gehirn inaktiv. Darüber hinaus - und deshalb hatte ich das Beispiel mit Nahtoderlebnis plus Präkognition gebracht - können in der Schau offenbar Ereignisse wahrgenommen werden, die in der Zukunft liegen, also noch viel mehr außerhalb der sinnlichen Realität. Man könnte vielleicht sagen, dass die Schau einen Zugang in eine andere Seinsebene herstellt, auf der offensichtlich das, was wir hier als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bezeichnen, ganz anders (an)geordnet ist. Und die Schau hinein in diese Konfiguration geschieht nicht mit den normalen Sinnesorganen.
Der zweite Grund, Nahtoderlebnisse zu diskutieren, ist folgende empirische Beobachtung: bei manchen Menschen wird die Fähigkeit zur Schau eben durch ein Nahtoderlebnis aktiviert. Mir ist das aufgefallen, als ich einmal für einen Vortrag die Biographien von Ibn Arabi, von Johannes vom Kreuz, von Teresa von Avila und Mirjam Baouardy in relativ kurzer Zeit nacheinander durcharbeiten mußte: kurioserweise waren alle vier einmal "scheintot" gewesen, bei Ibn Arabi und Teresa aufgrund einer Krankheit (es war schon alles für ihre Beerdigung vorbereitet ...), Johannes vom Kreuz dagegen war in den Fluss gefallen und sozusagen schon ertrunken gewesen, und Mirjam Baouardy wurde von einem Muslim, der sie vergeblich zu bekehren suchte, die Kehle durchgeschnitten. Erst nach diesen Nahtoderfahrungen begann ihr eigentliches spirituelles Leben, das - unter vielem anderem - auch von zahllosen "Schauungen" und "Visionen" gekennzeichnet war (die allerdings ganz andere Inhalte hatten als die Zukunft, auch wenn etliche Präkognitionen von ihnen berichtet werden). Ich will damit überhaupt nicht behaupten, dass ein Nahtoderlebnis Voraussetzung für das Vermögen zur "Schau" ist. Aber für Menschen, die vielleicht eine enstprechende Veranlagung haben, kann es offenbar ein "Türöffner" sein, quasi ein "Aha-Erlebnis", das man einmal haben muss, um es danach leichter wiederholen zu können. Und im Kern dürfte es sich dabei um die Erfahrung einer "radikalen Ablösung" (des Bewußtseins?) von der sinnlichen Weltsicht handeln. Eine solche Sichtweise würde sich im übrigen mit Befunden aus der Vöklkerkunde und Geschichte decken. So berichten etwa viele Schamenen, dass sie eine tödliche Krankheit durchlebt hätten oder gar "zerstückelt" wurden. In der Antike wurden angehende Priester in einen mehrtägigen "Tempelschlaf" versetzt. Und wenn die Erzählungen stimmen, dann wird noch heute bei einigen afrikanischen Stämmen der König mit Hilfe von Ritualen und Drogen in die Nähe des Todes gebracht, bevor er überhaupt König werden kann - denn für den Priester, den Schamanen und den König scheint es gemäß der Auffassung dieser Gesellschaften wichtig zu sein, die anderen "Reiche" zu kennen oder wenigstens um ihre Existenz zu wissen.
Der dritte Grund, warum ich die Nahtoderlebnisse mit einbezogen habe: die Schau selbst findet häufig statt, während die normale Sinneswahrnehmung und bestimmte Körperfunktionen reduziert sind. Jedenfalls ist sehr oft im Zustand der Schau eine "Verschiebung" in der normalen Physiologie zu beobachten. Wiederum räume ich ein: dies ist keine zwingende Voraussetzung, manchmal geschieht eine Schau blitzartig, ohne weitere Störung des Alltagszustandes. Oder es kann ganz im Gegenteil sein, dass eine Erscheinung eine Viertelstunde lang vor drei kleinen Kindern steht, die dabei offenbar ganz normal sind und sehen (wer aber war als Zeuge dabei?).
Jedenfalls aber ist sehr häufig zu beobachten, dass in der Schau "Verschiebungen" in den Wahrnehmungsorganen stattfinden. Und damit ist auch gleich "erklärt", warum so viele Präkognitionen während des Schlaf auftreten (nach den amerikanischen Statistiken über 60 Prozent). Denn im Schlaf sind ja unsere Sinnesorgane ebenfalls abgeschaltet, überdies auch der Muskelapparat und der damit gekoppelte Bewegungssinn. "Irgendetwas" muss aber dann beim Schlafen dennoch wachen, denn sonst könnte die Schau nicht wahrgenommen und auch nicht im Gedächtnis abgelagert werden.
Zu der Frage des Gedächtnisses noch ein sehr kurioser Befund. Pim van Lommel hat seine Nahtodfälle nach zwei und nach acht Jahren noch einmal interviewt (was die große Sorgfalt seiner Forschungen zeigt). Dabei mußte er einige Fälle wieder aus der Untersuchung herausnehmen, weil die betreffenden Personen Alterserscheinungen zeigten und sich nicht mehr (präzise genug) an ihre Nahtoderlebnisse erinnern konnten. Wie aber kommt die Schau, wenn sie doch über-sinnlich oder gar völlig un-sinnlich ist und nicht mit dem Gehirn verarbeitet wird, in das "Gedächtnis" (das in gewissem Umfang doch an Hirnstrukturen gebunden ist) überhaupt hinein?
Fragt sich, verwundert, Gerhard
Nachfolgend wenigstens aus dem Umkreis des Forums ein paar Belege dafür, dass während der "Schau" der Normalzustand des Sensoriums häufig verändert ist:
WIZARD
Schon Stunden vorher zeigten sich mehrfach langanhaltende "Dejavus", begleitet von einem starken Gefühl, das wieder mal irgendwas im Busch ist.
https://schauungen.de/forum/index.php?id=605
GABRIELE HOFMANN
Ich gehe in eine Art Trance.
[Es ist] wie ein Film.
Ich sehe Bilder, Szenen.
bei www.Schauungen.de > Quellen > Sonstiges
DETLEF
Wenn ich das Wort „Traum“ benutze, dann deshalb, weil ich einerseits kein passenderes finde, andererseits diese „Träume“ nur in einem Zustand der Ruhe kommen. Aber sie haben weder die gefühlsmäßige Qualität richtiger Schlafträume, noch die von Tagträumerei.
https://schauungen.de/prophwiki/index.php?title=Detlef
IRLMAIER
Die Haut über seinen Backenknochen begann sich unnatürlich zu spannen. Der linke Ellenbogen, mit dem er sich auf der Tischplatte aufgestützt hatte, rutschte ihm unter die Kante. Der Kopf fiel ihm auf die Brust, ruhte auf dem gestickten Hosenträger. [...] Er hatte sich eine Hand vor die Augen gelegt. Die andere, hängende rechte Hand, öffnete unter fremdartigen Impulsen die Finger, schloß sie, öffnete sie wieder. Ich sah seine Brust sich heben und senken. Sein Antwort kam, ohne dass er die merkwürdig eingesunkene Haltung verändert hatte, wie von tief hergeholt, oder wie aus weiter Ferne gesprochen.
Konstantin von Bayern, NACH DER SINTFLUT, Berichte aus der Zeit eines Umbruchs, 1945-1948, Süddeutscher Verlag München, 1986 (Seite 163).
[Kommentar hierzu: Es ist die Szene, wo Irlmaier offenbar zum ersten Male die Vögel aus dem Weißen Sand aufsteigen und die gelben Pakete abwerfen sieht. Konstantin von Bayern hat wohl etwas (schriftstellerisch) dramatisiert, andererseits auch gut beobachtet. Bei seinen sonstigen Beratungen wird Irlmaier wohl nicht so deutlich in Trance gegangen sein. Allerdings wird mehrfach von ihm berichtet, dass er nicht normal sondern rhythmisiert (fast dichterisch) und außerdem in anderem Tonfall (Dialekt?) gesprochen habe, was manche Beobachter offenbar dahin auslegen wollten, ein "Medium" würde durch ihn sprechen. Die Veränderung der Stimme und Sprache hängt aber mit der oben erwähnten "Verschiebung" zusammen sowie mit einer anderen, mehr kohärenten Konfiguartion des "Bewußtseins" während der Schau].