Ergänzung zur Intuition und zum stillen Wissen (Schauungen & Prophezeiungen)

Gerhard, Sonntag, 24.07.2011, 17:07 (vor 5574 Tagen) @ DerBerliner (2125 Aufrufe)

Hallo, lieber Berliner!

Wenn man, wie offenbar Du, eine verlässliche Intuition hat, dann ist das wirklich etwas Kostbares und mehr wert als hundert Schauungen. Angenommen ich würde regelmäßig nach New York fliegen, was nützte es mir dann zu wissen, dass New York irgendwann einmal von einem Impakt oder einer Atombombe getroffen wird? Meines Erachtens überhaupt nichts, ich würde mich nur ständig sorgen. Aber wenn ich eine gute Intuition habe, dann bewahrt mich das, an jenem berühmten Tag ins Flugzeug nach New York zu steigen, an dem der Ein- oder Anschlag stattfindet.

Ich glaube, dass man die Intuition schulen kann. Natürlich nicht mit einem Kurs an der VHS, sondern eigentlich nur dadurch, dass man sich ständig in Situationen begibt, in denen die Intuition real gefordert wird. Und eine ganz entscheidende Sache ist die Erfahrung. Manche Leute behaupten, Intuition sei nur eine ins Unterbewußtsein abgesenkte Erfahrung. Ich bin anderer Meinung. Die Lebenserfahrung oder die berufliche Erfahrung hilft uns nur, die Intuition auf die richtige Stelle zu beziehen. Wenn ich keine Ahnung von Automechanik habe, dann nützt mir die beste Intuition nichts. Aber wenn ich 20 Jahre Autos repariert habe, dann wird die Intuition gezielt dorthin gelenkt, wo sie eine entscheidende Hilfe sein kann. Und während die einen dann noch die Listen im Fehlerprotokoll durchsuchen, hat der andere das Gerät schon repariert.

Wahrscheinlich ist die Intuition verwandt mit dem "stillen Wissen". Die Intuition gehört aber eher zum tätigen Leben, sie ist direkt verflochten in das Tun, am besten vielleicht sichtbar auf dem Fussballfeld bei jenen, denen der Ball einfach reinläuft (eigentlich laufen sie zum Ball, ohne dass sie ihn schon sehen, also Präkognition in Echtzeit ...). Das stille Wissen ist dagegen etwas Stationäres, es ist eine sichere, permanente Kenntnis, praktisch eine absolute Gewissheit, ohne dass man sie rational begründen kann. Auch hier gilt: je mehr man Erfahrung in Bezug auf einen Sachverhalt oder in einem Bereich des Lebens hat, desto konkreter und differenzierter wird dieses stille Wissen eben dort sein. Meines Erachtens entsteht das stille Wissen aus einer permanenten (aber eben schauenden und intuitiven) Verbindung mit etwas anderem; es basiert auf einer Art Identität oder seelischen Gemeinschaft, und das andere kann dabei durchaus ein (scheinbar) nicht lebendiger Gegenstand, ja sogar ein abstraktes Wissensgebiet sein.

Ein paar Worte noch zum Herzen, weil ich da abgebrochen hatte, und Dich das vielleicht interessiert. Während der Embryonalentwicklung im Mutterleib ist das Herz dasjenige Organ, das als erstes vollständig entwickelt sein wird, denn es muss ja später das Blut zu allen anderen, neu hinzukommenden Organen befördern. Wenn der Embryo etwa 19 Tage alt ist, beginnt das Herz zum ersten Mal zu schlagen, und das geschieht, weil sich jetzt zum ersten Mal im Leben dieses Menschen ein elektrisches Potential bildet, das nicht nur an einer Zellmembran sondern über viele Zellen hinweg fortgeleitet wird - und nun eine gemeinschaftliche Bewegung stiftet. Das wird ganze weitere Leben so sein, bis zum Tod - oder zum "Nahtod" eben. Nun kommt das eigentlich Interessante: an diesen 19.Tag der Entwicklung ist von Gehirn- und Nervengewebe noch meilenweit nichts zu sehen, denn das entsteht erst hernach. Das heißt aber, wenn später echte Nervenpotentiale sich bilden werden, dann können sie das nur tun, wenn sie in stimmiger Resonanz zu diesem viel älteren Herzschlag stehen. Der Funke, der das Herz "belebt", steht somit in der Hierarchie ganz oben, er ist der Dirigent für die gesamte, später hinzukommende "Elektrik" des Körpers. In dem Augenblick, wo dieser Funke aussetzt, beginnt das System zu zerfallen. Von Natur aus leben wir also nicht aus dem Kopf und erst recht nicht aus dem Bauch, sondern primär aus dem Herzen. Die Tradition weiß das, und es gibt dafür sehr viele sprachliche Bilder. Moderne Wissenschaft, richtig verstanden, bestätigt (auf ihre Weise eben) das alte Wissen.

Übrigens gilt folgende Regel: wenn Puls- und Herzschlag mechanisch und starr werden, dann besteht Gefahr (kann man aber praktisch kaum fühlen, höchstens irgendwelche chinesischen Ärtze schaffen das nach jahrelanger Erfahrung, im Westen hat man dafür eher ein Gerät und eine Software zur Auswertung ...). Solange die Herzraten variabel sind, ist man gesund. Takt ist Wiederholung, Rhythmus ist Erneuerung - also Leben. Könnte sein, dass dieser Satz von Ludwig Klages stammt, bin mir aber nicht sicher.

Wollte mich bei Dir für Deine freundlichen Worte bedanken!

Grüsse, Gerhard


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