Das Boot (Schauungen & Prophezeiungen)

Gerhard, Sonntag, 24.07.2011, 16:21 (vor 5574 Tagen) @ Gerhard (2405 Aufrufe)

Hallo, Klara, ich greife nur eine Fragestellung aus Deinem Beitrag (Jo) heraus. Vielleicht können wir auf diesem Weg uns zunächst in dieser einen Sache annähern, denn anderes, was Du sagst und eventuell fragen willst, verstehe ich (noch) nicht.

Letzte Woche hatte ich hier geschrieben, dass in der "Schau" die gängige Trennung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft offenbar aufgehoben ist. Denn aus seiner Gegenwart heraus ist ja dem Schauenden einerseits die Zukunft zugänglich (Präkognition), aber auch die Vergangenheit (Retrokognition, etwa wenn ein Hellseher wie Croiset bei der Aufklärung eines Kriminalfalls hilft). Man mag daraus dann schließen, V-G-Z existierten gleichzeitig. Doch das ist wohl nichts nichts weiter als ein flacher logischer Schluß, eher ein Spiel mit Worten. Letztere sind vielleicht gar nicht tragfähig für solche Fragestellungen - Du selbst hast angemerkt, der Begriff "existieren" müsse für solche Zwecke eigentlich vertieft bzw. erweitert, jedenfalls neu bedacht werden. Wie die Dinge sich aber wirklich verhalten? Ich denke, wir überschauen es nicht.

Gewesenes kann nie mehr ungewesen gemacht werden - besteht es also ewig? Und wenn wir sagen, die Zukunft kommt, muss es sie dann nicht eigentlich schon geben? Sonst könnte sie ja gar nicht herankommen! Irgendwie reichen solche paradoxen Sätze aber nicht aus, um das Problem zu fassen. Ich suche also Zuflucht bei einem Beispiel.

Detlef baut ein Boot, weil er in einer "Schau" sich selbst und seine Familie in einem solchen Boot gesehen hat - in den Stürmen der Zukunft. Letztere sind aus heutiger Sicht aber nur eine Annahme, für Detlef rechtfertigt die sich aufgrund seiner bisherigen Erfahrung mit "Schauungen" (die er in der Vergangenheit wohl schon gehabt und die sich bewahrheitet hatten).

Nun hat Detlef bestimmte Details seines Bootes "geschaut", aber bei weitem nicht alle. Wenn er das Boot nun bauen will, so muss er ziemlich nachdenken und sich Rat holen. Wie etwa ist es, wenn man von einer Welle mit 50 Metern Höhe überrollt wird? Da muß das Boot ja druckstabil sein, denn da Du bist plötzlich in 50 Meter Wassertiefe. Das ist eine Situation, die im normalen Bootsbau, also für Fahrten an der Wasseroberfläche, keine Rolle spielt. Ferner muss sein Boot stoßfester sein als üblich, und wenn er es besteigt, dann ist es nur halb fertig: Masten und Segel wird er später erst aufbauen - wenn die Pole sich ausgesprungen und die Ozeane sich wieder beruhigt haben. Detlef hat also eine ganze Menge Probleme, für die er eine Lösung finden muss. Und indem er das macht, erschafft er erst das Boot, das er als ein "künftiges" schon gesehen hat. Ziemlich paradox das Ganze. Normalerweise würde man hier von einer "self-fulfilling-prophecy" reden können. Wenn da nicht die - im Augenblick erst potentielle - Flutwelle wäre. Die hat Detlef nicht in der Hand. Denken wir uns mal ...

In diesem Beispiel hat sich die Katze zwei Male in den Schwanz gebissen: eine mögliche Zukunft bedingt die Gegenwart, und die Gegenwart könnte vielleicht einmal die Zukunft bedingen, sich in Zukunft verwandeln. Es ist somit ein mysteriöser Gegenwart-Zukunfts-Komplex angelegt, und den gibt es tatsächlich jetzt schon, aber er ist erst zum Teil wirklich bzw. real. Nun mache ich es noch komplizierter: in Detlefs Boot stecken 10.000 Jahre Erfahrung Bootsbau und Seemannshandwerk, und Detlef selbst hat auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Der Gegenwart-Zukunfts-Komplex ruht permanent, von Sekunde zu Sekunde erneuert, auf einer Vergangenheit. Wenn letztere nicht wäre, würde er sich sofort in Luft auflösen.

Alle drei Zeiten sind somit untrennbar miteinander verklammert, sind irgendwie eine Gesamtheit, sind eins. Und das ganz offensichtlich nicht nur im Moment der "Schauung", die Detlef hatte (da hat Deltef das Potentielle lediglich als "scheinbar" Reales erlebt). Das Mysterium der Zeit ist so gesehen vielleicht ein ganz anderes: es geht bei der Zeit überhaupt nicht um ein Voher und ein Nachher und ein "jetzt gerade!". Diese Auftrennung ist vielleicht gar nicht die entscheidende. Vielmehr läuft die eigentliche Trennlinie vermutlich zwischen "real" und "potentiell". Wir fahren nicht Zug entlang einer Strecke, in der ersten Klasse, mit Blick auf die Landschaft (die sich scheinbar wandelt und doch stets dieselbe ist), sondern wir arbeiten auf einem Verschiebebahnhof. Ein Knochenjob ...

Viel mehr, Klara, glaube ich, kann ich zum Thema Zeit nicht beitragen. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann interessiert die Zeit mich gar nicht. Ich halte sie nämlich für eine ziemliche Nebensächlichkeit. Sie ist in meinen Augen, wie der Raum, nur ein Gefäss, mit dem Vielheit geschöpft und gehalten werden kann. Der Raum ermöglicht es, dass mehrere Dinge gleichzeitig nebeneinander existieren können, und die Zeit ermöglicht, dass die Nebeneinanderdinge sich nochmals zusätzlich verändern können (eigentlich tun sie es durch Umstellungen im Raum, genannt "Bewegungen"). Raum und Zeit sind also nur ein leeres, vierdimensionales Schachbrett. Platz für viele Mannigfaltigkeiten. Das Wesentliche scheinen mir eher die Figuren zu sein, die Regeln - und die Freiheit des Spiels.

Einen schönen Sonntagabend
und eine gute neue Woche!

Gerhard


PS: Detlef ist übrigens überhaupt kein Sonderfall. Er hat eine "Schauung" gehabt, und er hat sich - das ist der zentrale Punkt - für die Schauung entschieden. Andere haben stattdessen irgendwelche Ideen, auch VORSTELLUNGEN, oder verfolgen Pläne; wieder andere leben in den Tag hinein und lassen sich gern überraschen - oder tun einfach das, was gerade ansteht. Es gibt keine allgemeine, abstrakte Vergangenheit oder Gegenwart oder Zukunft, sondern nur ganz persönliche und individuelle Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünfte. Und wir selbst (durch unsere Entscheidungen) sind die Klammer, die die drei Abteilungen der Zeit von Sekunde zu Sekunde neu zusammenhält.


Gesamter Strang: