Hallo!
Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen Bibeltexten und den Prophezeiungen und Schauungen, mit denen wir uns beschäftigen. Es ist ein Unterschied zwischen einem "religiös gefärbten" Text und einem Text, dessen ganze Intention durch und durch religiös ist.
Ich habe starke Zweifel, ob Johannes überhaupt eine übernatürliche Vision hatte oder ob der Text nicht vielmehr die Welt mythischer Vorstellungen der Angehörigen der jüdisch-christlichen Strömung in der anhebenden magischen Kultur formuliert. Es darf nicht übersehen werden, daß die Völker in der Region, von welcher das Christentum seinen Ausgang nahm, sämtlich unter der Naherwartung des Gottesgerichts lebten, das noch zu Lebzeiten der damaligen Generation eintreten sollte. Das ist einer der fundamentalen seelischen Impulse dieses Kulturkreises unter dem die Apokalypse geschrieben wurde - aber nicht des unseren (Spengler lesen hilft). Dagegen ist die Rezeption im Abendland nur ein müder Abklatsch. Die Apokalypse ist in diesem Sinne kein "präkognostischer" Text, sondern ein Symbol für die Auffassung der nahöstlichen Völker vom Bau der Welt, die in ihrem Empfinden von Gott "eingehöhlt" wurde, von dem alles ausfloß und beseelt wurde und in den alles baldigst wieder einfließen sollte. Das ist keine präkognitive Zukunftsvision, sondern der in die Zukunft gespiegelte Schöpfungsakt, der im polaren Denken ein notwendiges Ende, eine Vollendung als Gegensatz zu einem Anfang erfordert. Das "Reich Gottes" ist überhaupt nichts, das auf Erden entstehen sollte, sondern setzt das Weltende notwendig voraus. Es folgt dem keine neue Welt, kein goldenes Zeitalter, kein Land, in dem Milch und Honig fließen, sondern der Urzustand, der vor der Schöpfung herrschte, in dem alles ewige (eher zeitlose) Ruhe ist in Gott dem Herrn. Das ist aber durch und durch religiös. Es ins Diesseits zu verlagern und als reales Geschehen zu deuten, zeugt von dem Unverständnis der Apokalypse, das im Abendland vorherrscht. Es trennt uns eine unüberwindliche Kluft zwischen dem Seelentum der damaligen Menschen des nahen Ostens und unserem Weltempfinden. Das Unverständnis muß bei uns notwendig vorherrschen, weil wir faustische Menschen mit Milliarden Jahren rechnen in einer Welt, die nicht abgeschlossen ist wie die der nahöstlichen Apokalyptik, sondern sich unendlich erstreckt hin zu einem fernen, ideellen, also wohl nie erreichten Endziel. Aus diesen Gründen ist der Text für uns, die nach realen Ereignissen unserer Zukunft suchen, weder verständlich, noch überhaupt relevant. Ich meine, er hat uns für das Forumsthema nichts spezielles zu sagen.
Wenn, dann müßte erst mal bewiesen werden, daß der Text für uns überhaupt noch relevant ist, d. h. daß er tatsächlich reale Zukunftsereignisse enthält. Andersherum, als Negativbeweis durch Beweislastumkehr, läuft das aber nicht. Sonst kämen bald alle und würden Gehör für jeden erdenklichen Unsinn einfordern, den sie für wichtig halten.
Relevant sind biblische Prophetien aber auf jeden Fall in folgender Hinsicht:
1. Als subjektive nahöstliche Perspektive auf den "Weltbaum", der sich jedem Blickwinkel anders darstellt, die aber auf ihre Weise etwas enthält, das auch wir kennen: eine "Cäsur", welche die ganze Welt betrifft. Was dort das kurz bevorstehende Weltende ist, entspricht hier - die faustische, dynamische Seele wiederspiegelnd - der Vollendung eines Zyklus, dem eine Erneuerung und ein Fortschreiten mit höherer Potenz folgt (siehe z. B. hier). Das ist der kleinste gemeinsame Nenner, das für uns relevante Fünkchen Wahrheit der nahöstlichen Auffassung, nämlich daß die Welt "gerichtet" wird, nicht moralisch, sondern in Richtung des Weltplanes.
Da aber die Auffassung eines Weltenlaufs im Rahmen weniger Jahrtausende zwischen Schöpfung und Weltende zwar dem nahöstlichen Lebensgefühl entspricht, für uns aber (nachweislich) falsch ist, sind wohl auch alle über den kleinsten gemeinsamen Nenner gehenden Folgerungen daraus, z. B. Errettungs- und Erlösungsgedanken bei der nächsten Cäsur und womöglich die meisten oder gar alle (ohnehin unverständlichen) Details nicht richtig und nicht weiter von Belang. Wichtig wäre (nicht für das Forum, sondern grundsätzlich) nicht, was die Motive des Textes für uns zu bedeuten hätten, sondern was sie für die damaligen Menschen bedeuteten, um ihre Genese zu erhellen.
2. Als literarische und glaubensmäßige Grundlage für die religiöse Färbung abendländischer Prophezeiungen. Wenn wir das zugrundeliegende Religionsgebäude kennen, können wir die Motive hinter den Aussagen erkennen und herausfiltern, um zu einem etwaigen seherischen Kern vorzustoßen. Vor dem Hintergrund religiöser/christlicher Tradition verfaßte Prophezeiungen können komplett eine Wiedergabe christlicher Mythen, bzw. persönliche Phantasie eines Gläubigen sein. Es kann aber auch sein, daß tatsächlich vorliegende Präkognition durch Motive aus der Überlieferung ausgedrückt wurde, so geschehen mutmaßlich bei der dreitägigen Finsternis. Christlich gefärbte Prophezeiungen sind also nicht per se für die Tonne.
Gruß
Taurec
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„Es lebe unser heiliges Deutschland!“
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„Was auch draus werde – steh zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“