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Symbolik in Schauungen (Schauungen & Prophezeiungen)

Taurec ⌂, München, Donnerstag, 30.06.2011, 23:18 (vor 5598 Tagen) @ Gerhard (3550 Aufrufe)
bearbeitet von Taurec, Donnerstag, 30.06.2011, 23:25

Hallo!

"Ich lauf durch meine Heimatstadt, ich lauf durch die Straßen, ich sehe im Grunde genommen keine Menschen, ich seh kein Auto, ich hör kein Geräusch, es is alles wie wie tot und leblos [hustet] ich geh in Häuser rein, ich seh [mich] also jetzt noch in den Straßen laufen wunder mich: was is' hier eigentlich? tot, alles tot ... ja, geh in de Häuser rein, da steh'n Tasen auf den Tischen, in der Küche steh'n die Töpfe auf dem Herd, des is aber alles kalt, es is aber kein Mensch da, sieht aus wie wenn die Menschen fluchtartig die Stadt und die Häuser verlassen haben, ich geh dann raus aus der Stadt, ich geh über die Felder, ich schau zurück, ich seh meine Stadt, die sieht genauso aus wie früher, aber doch is alles anders, ja."

Bernt Schnettler hat 1999 zwanzig Personen aus dem Raum Südwestdeutschland/Nordschweiz interviewt. Der obige Text gibt eine von drei Visionen eines Mannes wieder, die anderen beiden bringe ich nachstehend. Interessant ist nun folgende Zusatzangabe von Schnettler: beim Gang durch die verlassene Stadt habe der Visionär (also in seiner Vision) auch eine Bank betreten und dort Geldscheine liegen sehen, die er nicht gekannt habe. Der Mann hatte die Vision vermutlich in den frühen 90er Jahren, denn es kam darin auch ein Auto vor, das er zunächst nicht kannte, später aber als einen Ford KA identifizieren konnte, und die Geldscheine erkannte er erst, als die Scheine des Euro herauskamen. Es könnte also sein, dass die sogar noch rumliegen, wenn die Welt schon untergegagen ist ...

Hält man sich an den Text, steht dort nicht, daß zu diesem Zeitpunkt "die Welt untergegangen ist". Lediglich die Stadt wird irgendwann verlassen werden, offenbar noch zu Lebzeiten des Euros. Was danach in anderen Gebieten geschieht, läßt sich daraus nicht schließen.
Denkbar ist auch eine symbolische Bedeutung (die Deiner Deutung entgegengesetzt ist): Die städtische Gesellschaft und der Euro werden scheitern. Über eine Nachfolgewährung ist jedoch keine Information enthalten.
Je mehr Symbolik in Schauungen man bereit ist, zu unterstellen, desto breiter sind die möglichen Bedeutungen gefächert. Die Frage ist, wie weit wir das treiben wollen. Man läuft um so mehr Gefahr, aus den Schauungen zu lesen, was man lesen will.

Nebenbei: Welche ist die Heimatstadt des Sehers?
Es erinnert an Berlin während des Russeneinmarschs bei Irlmaier:
"In Berlin waren alle Wohnungen unangetastet und in den Fabriken alle Maschinen heil
– aber er sah keinen einzigen Menschen."

Die zweite Vision geht so:

"Ich seh' hier'n totales Chaos, es is dunkel, es is also stockdunkel, und nur die Straßenlaternen flimmern so leicht. Äh- ich seh die Menschen laufen, ich geh auf'n Mann zu, will den fragen: was is' hier eigentlich los? Der weicht mir aus, rempelt'n kleines Mädchen um. Das Mädchen fällt auf die Straße, des Mädchen wird vom LKW überrollt, also ich seh' das alles noch sehr, sehr bildlich. 'Ne Frau rennt zu dem Kind, schreit, weint, macht, und plötzlich seh' ich vom Horizont her en ganz helles Licht. Also's is wie wenn die Sonne untergeht, nur so 'ne Aura und seh dieses Licht, das das immer näher kommt, ich geh runter zum See, schau rüber, seh' helle Lichter auf uns zufliegen, wobei nicht zu identifizieren ist, was das für Lichter sind. Die Lichter gehen in Tiefflug und greifen an, schießen auf die Menschen, bombardieren die Häuser."

Das scheint mir eine äußerst dramatische Impaktszene zu sein. Oder ein Angriff?

Die dritte Vision handelt von New York. Es geht aus dem Buch von Schettler nicht klar hervor, ob auch nicht die zweite sich auf NEW York beziehen könnte.

"Ich lauf durch New York, ich lauf die 65. entlang, komm am Central Park raus, lauf durch'n Central Park, dort campiern die Leute, ähn weil sie eben kein Dach mehr übern Kopf ham, Kinder spielen, es is eigentlich einerseits, fast eine- bedrückende Stille und ein bedrückender Frieden, der gar nicht zu dem paßt, was ich sehe. Also 's is äh komisch, bei allen Visionen, muß ich sagen fast, zwar 'n Chaos, aber- aber am Ende wie 'ne Erleichterung. Nicht 'ne Erleichterung, daß es vorbei is, nicht- nicht daß des äh des- ich sag mal was passiert is, das das vorbei is, sondern daß die Vergangenheit vorbei is, des, was äh der Auslöser war, daß es überhaupt soweit kam. Ja. Also ich spür auch am Ende der Visionen immer eine wahnsinniche Erleichterung." (Markierungen von mir; an anderer Stelle findet der Visionär für diese interessante Empfindung einen weiteren Vergleich: es sei, wie wenn man nach langem Aufenthalt im Krankenhaus schließlich entlassen wird).

Ich will die Texte hier nicht kommentieren, frage mich aber, ob der Seher tatsächlich in diesen Städten später einmal sein wird - oder ob er sie nicht nur "im Sehen besucht". Ein Anhaltspunkt, dass er selbst involviert ist, ist natürlich die Szene mit dem Mädchen. Ansonsten könnte es ja auch sein, dass sein "Herumlaufen" nur das eines "unbeteiligten, >schauenden< Kameramannes" ist.

Möglich ist auch das Sehen durch die Augen eines anderen. Die Szene könnte aber auch teils oder völlig symbolisch sein und eine abstrakte Information praktisch verdeutlichen. Z. B. könnte die New-York-Vision "Leben nach dem Krach" bedeuten (und New York stellvertretend für das Geldsystem stehen?). In Anlehnung an Emilia Auer (Katharina aus dem Ötztal):
"Die Not wird groß und größer. Und man sagt zueinander: ‚Es kann nicht mehr gehen. es geht nimmer’, und es geht doch noch weiter. Es geht viel länger abwärts, als die Leute zuerst meinten. ‚Dann plötzlich brichts’."
Dieses Brechen nach einen quälenden Niedergang schlägt in Erleichterung um. Das System, das wie ein Joch auf den Menschen lastet ist weg, aber das folgende Chaos (und Neuordnung) noch nicht vorbei.

Gruß
Taurec

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„Es lebe unser heiliges Deutschland!“
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„Was auch draus werde – steh zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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